(Manfred Klimek)
Es gibt ein paar, selten wiederkehrende Momente im Weintinkerleben, die ziehen einen still in die Knie – Demut & Kotau. Ganz ohne Glocke, ohne Trommelwirbel, ohne den inflationären Jubel, der so vielen Nebensächlichkeiten unserer Tage hinterhergeworfen wird.
Einfach nur: du sitzt da, schaust auf Flaschen – und begreifst, dass du gerade Zeuge einer Leistung bist, die eigentlich nicht möglich sein dürfte.
So ein Moment ist die 2024er-Kollektion trockener Rieslinge von Stefan Steinmetz.
Keine andere Kollektion trockener Rieslinge an der Mosel – ja, vermutlich in ganz Deutschland – besitzt diese radikale Breite, diese wahnsinnige Tiefe, diese geradezu biblische Vielfalt an Stilistiken. Es ist, als hätte jemand die gesamte Mosel durch ein Prisma geleitet und jede Brechung in eine eigene Flasche gefüllt. Und da reden wir noch nichtmal von den vier fruchtwüßen Weinen, von Steinmetz’ beeindruckender Kollektion der roten Lagenburgunder und auch nicht von seinen drei bis vier jährlichen Experimentweinen (von jenen mehr nachsten Sonntag in der WELT am SONNTAG)
Steinmetz ist – wie Markus Molitor – ein Winzer, der Lagen nicht abfüllt, sondern offenlegt. Entblößt.
Aber er tut es nicht kalkuliert, sondern brachial ehrlich. Ohne Stil-Glättung, ohne jede Beliebigkeit.
Jede Lage ist hier ein eigenes Dokument der Wirklichkeit.
Das alles mit einer Präzision, die so absurd präzise ist, dass man fast vergisst, dass Wein überhaupt von Menschen gemacht wird.
Los geht’s
1 – Brauneberger Riesling 2024
Der verlässlichste Gutsriesling des Hauses – und 2024 mit einer Geradeaus-Präzision, die fast schon beleidigend souverän wirkt.
Weniger Steinobst als sonst, dafür eine wunderbar klare, feuchte Quitte, Stachelbeere, ein Hauch Kohlrabi, etwas Lorbeer am Rand, Hagebutte als feiner Gleitfilm – und dann diese berühmten Schiefersalze wie ein letzter Satzzeichenpunkt im Schluck.
11,5% Alkohol, 4 g Zucker.
2 – Wintricher Riesling 2024
Eindeutig cremiger als der Brauneberger.
Pfirsich in Weiß, Akazienblüte, dazu gelber Paprika in homöopathischer Dosis, Mohnblume und eine ganze Wiese voller Kräuter. Mehr Fruchtsüße, mehr Saft, weniger Salz – ein Riesling mit breiter Brust und offenen Armen.
10,5%, 7 g Zucker.
3 – Brauneberger Juffer Kabinett (trocken) 2024
Ein Kabinett an der Grenze zum knochentrockenen Wein – und deshalb ein Kabinett für Erwachsene.
Ringlotte, weißer Pfirsich, die Ahnung von blauer Zwetschke. Limette und Zitronengras wie eine frische Klinge.
9,5% Alkohol, 6 g Zucker, 9,5 g Säure.
Der ideale Wein für asiatische Küche – und für Menschen, die glauben, Kabinett könne nicht ernst sein.
4 – Drohner Hofberger Gewanne „Kandel“ 2024
Volumen satt.
Einer der „großen“ Rieslinge dieser Kollektion – fett, voller Wucht, mit einer tiefen, kernigen Schiefermineralik.
Frucht massiv, Kräuter fast verschwunden, keinerlei Gemüse – ein Riesling, der zu Braten passt, ohne in die Knie zu gehen.
12,5% Alkohol, 1 g Zucker.
5 – Brauneberger Juffer „GB“ 2024
Brotig, wuchtig, voller Steinobst und Ringlotte.
Große Würze.
Ein Riesling mit tiefem Atem und langer Perspektive.
12,5% Alkohol, 1,6 g Zucker.
Der große Brauneberger, und er weiß es.
6 – Zeltinger Sonnenuhr „GZ“ 2024
Mehr Nuss, Birne, Aprikose, dunkle Minze, rosa Grapefruit.
Ein Riesling wie ein Messerschnitt: scharf, lang, sehnig.
12,5% Alkohol, 2,3 g Zucker.
7 – Wintricher Geierslay „GW“ 2024
Feiner, eleganter, alkoholischer – aber mit der seidigsten Struktur der ganzen Kollektion.
Grüner Paprika, nasse Kiesel, Bachquelle – ein Riesling wie aus kühler Morgenluft destilliert.
13% Alkohol, 3,4 g Zucker.
8 – Wintricher Ohligsberg „GW“ 2024
Brüderlich dem Geierslay verwandt – aber mit mehr Stoff, mehr Tiefe, weniger Zartheit.
Leichter Schnittlauch-Ton, der ihn unwiderstehlich zum Rindsuppenwein macht.
12,5% Alkohol, 3,4 g Zucker.
Der kulinarischste Steinmetz in 2024.
9 – Drohner Hofberger GG 2024
Ein Monument.
Kristallklar, elegant, riesig, ohne schwer zu wirken.
Schiefer, Frucht, Champignons, Haselnuss – alles ist da, und nichts drängt.
13% Alkohol, 1,4 g Zucker.
Der große „Pure-Class“-Riesling dieses Jahres.
10 – Detzemer Klosterlay GG 2024
Steinobst-Monster, aber edel.
Himbeere, Kirsche, Zitrus, Nuss – und dahinter ein Speicher an Haltbarkeit, der fast nicht auszutrinken ist.
12,5% Alkohol, 3,6 g Zucker.
Der langlebige Fruchtgigant.
11 – Drohner Grosser Hengelberg GG 2024
Der femininste Riesling der Kollektion.
Aprikose, feiner Sponti-Gummi, alles schwebt.
13% Alkohol, 4 g Zucker.
12 – Neumagener Rosengärtchen „Am Fels“ 2024
Ein Monument der Eleganz.
Einzelstock, jung – und jetzt schon groß.
Fast keine Zitrusnoten, kaum Nuss, keine Gemüseanklänge – pure Schieferfrucht in monumentaler Ruhe.
12,5% Alkohol, 2,6 g Zucker.
Der große Langstreckenwein der Kollektion.
Die Negociant-Weine – für das Bordelais (!)
13 – Piesporter Treppchen GG 2024
Haselnuss, Walnussschale, Kastanie, schwarzer Boden, Humus – ein Riesling wie aus einer Bibliothek alter Wurzeln.
12,5% Alkohol, 4 g Zucker.
14 – Neumagener Rosengärtchen GG 2024
Furztrocken.
Elegantes Steinobst, viele Waldhimbeeren, Hagebutte, Ginster – ein aristokratischer Riesling, glockenklar.
12,5% Alkohol, 1 g Zucker.
Ein Wein wie ein Samurai-Schnitt.
15 – Neumagener Rosengärtchen VdT 2024
Suckling 99 Punkte – völlig zurecht.
Balance total: Steinobst, Himbeere, Schiefer, Eleganz.
13% Alkohol, 2,3 g Zucker.
Einer der besten Moselrieslinge des Jahres. Punkt.
16 – Piesporter Treppchen VdT 2024
Kühler, salziger, vegetabiler – und doch voll Steinobst.
Ein garantierter 30-Jahre-Läufer.
12,5% Alkohol, 1,6 g Zucker.
Ein Riesling mit dem Atem einer Kathedrale.
17 – Drohner Hofberger Reserve 2024
Kohlrabi, kalter Spinat, Nashi-Birne, Quarzit, grüner Apfel, leichte Fleischigkeit.
Ein Riesling, der Körper und Geist zugleich hat.
13% Alkohol, 2,4 g Zucker.
Die kräftigste, überwätigendste Steinmetz-Reserve seit Jahren.
18 – Drohner Grosser Hengelberg Reserve 2024
Der König der Kollektion.
Stockinger-Fässer.
Frucht in feinster Eleganz.
50 Jahre Lagerpotenzial.
13% Alkohol, 2,6 g Zucker.
Der Riesling, der in 2075 noch besprochen werden wird.
Steinmetz 2024 ist kein Jahrgang – es ist eine Enzyklopädie.
Es gibt Winzer, die jedes Jahr gut sind.
Es gibt wenige Winzer, die in manchen Jahren groß sind.
Und es gibt Steinmetz – der mit 2024 eine trockene Kollektion vorlegt, die schlicht nicht möglich sein sollte.
Yes, he can!

