(Manfred Klimek)
Es hat gedauert, aber nun scheint auch die sogenannte „Neue Rechte“ verstanden zu haben, dass der eigentliche Kulturkampf unserer Zeit nicht an Wahlurnen, sondern mit auch am Esstisch, in der Vinothek und auch beim abendlichen Absacken entschieden wird – zwischen denen, die Wein trinken, und denen, die es nicht mehr tun. In der ultrarechten Jungen Freiheit, sonst nicht gerade bekannt für feuilletonistische Feinsinnigkeit, erschien jüngst ein Essay, der Alkohol als „Transzendenzmittel der Menschheit“ feiert. Ein Text, der Wein und Rausch nicht als Laster, sondern als letzte Orte metaphysischer Erfahrung beschreibt. Bemerkenswert ist weniger, was dort steht – als dass es dort steht.
Denn dieselben Kreise, die früher den Wein mit Liberalismus, Hedonismus oder gar Dekadenz gleichsetzten, beginnen nun, ihn als Symbol einer „alten Welt“ zu reklamieren: als Zeichen für Feier, Gemeinschaft, für jene abendländische Kultur, in der Wein ein Sakrament war und kein Risiko. Und während die WHO, flankiert von Gesundheitsbehörden und Teilen der neuen, moralisch aufgerüsteten Linken, Wein zum gefährlichen Nervengift erklärt, rücken plötzlich jene ihn ins Zentrum, die sich sonst kaum für die Feinheiten eines Pouilly-Fuissé oder eines biodynamischen Rieslings interessierten.
Die Ironie ist vollständig: Ausgerechnet die, die früher für Zucht, Disziplin und Verzicht standen, verteidigen nun den Rausch als Ausdruck menschlicher Tiefe. Die „Alt-Right“, jene lose Formation aus Intellektuellen, Kulturreaktionären und digitalen Heilsverkündern, hat den Wein entdeckt – als ästhetische Waffe gegen die neue Askese, die sich auf Instagram „sober“ nennt und die fragilen Statistiken der WHO verfestigt.
Dabei geht es längst nicht mehr um Alkohol, sondern um Weltbilder. Auf der einen Seite: die Lebenstechnik-Kultur, die sich Reinheit verschreibt, kalorienreduziert, CO₂-neutral, moralisch hygienisch – und vor allem immer nüchtern. Ihre Heiligen heißen „Dry January“ und „Sober October“. Auf der anderen Seite: jene, die in jedem Glas eine Revolte gegen den algorithmischen Körper sehen. Der Wein als letzte Spur des Dionysischen – als unkontrollierbarer Rest, der sich dem digitalen Maß entzieht.
Dass ausgerechnet rechte Intellektuelle diesen Diskurs wieder aufnehmen, ist kein Zufall. In der Krise des Westens – so ihre Lesart – ist der Verlust des Weins der Verlust des Heiligen selbst. Kein Rausch, keine Messe, kein Opfer. Nur noch Zuckerfreie Zone und Selbstoptimierung. Das Dionysische, das einst Kunst, Musik und Religion befeuerte, wird ersetzt durch Selbstvermessung und Nüchternheits-App.
Der Feind ist also nicht der Alkohol, sondern die Idee der Reinigung. Die moderne Askese, die auf den ersten Blick gesund und aufgeklärt erscheint, ist in Wahrheit die konsequente Fortsetzung des Puritanismus – nur eben ohne Gott. Ihr Ziel ist nicht das Heil, sondern die Kontrolle. Wein aber steht, seit er existiert, für das Gegenteil: für Vertrauen, Hingabe, und auch für Risiko.
Dass die politische Rechte diesen Raum besetzt, ist weniger eine Provokation als ein Versagen der anderen Seite. Jahrzehntelang war Wein das Medium der aufgeklärten Linken, der Literaten, der europäischen Kosmopoliten. Heute sind es Gesundheitsbeauftragte, die warnen, und rechte Autoren, die den Becher heben. Die kulturelle Verwirrung ist vollkommen.
Vielleicht wäre es an der Zeit, den Wein nicht ideologisch zu verteidigen, sondern menschlich. Denn der Rausch, ob in Rom, Burgund oder am Rhein, war nie nur Exzess, sondern auch eine Form der Erkenntnis: das Aufbrechen des Ichs, das Teilen der Welt. Das wussten Mönche, Bauern, Revolutionäre und Winzer gleichermaßen.
Was jetzt droht, ist nicht die Rückkehr der Trunkenheit, sondern ihr Verschwinden – die Nüchternheit als politisches Ideal. Wenn Wein verboten, versteuert, verbannt wird, verliert Europa nicht bloß ein Getränk. Es verliert eine Sprache. Und wer sie wieder zu sprechen versucht, darf nicht den Falschen überlassen bleiben.

