(Manfred Klimek / Pic animated: Runwayml)
Weiter geht’s mit meiner Winzer-Winterreise, die Weinmacher und ihren Welt- und Weitblick erklären soll – in einer Zeit, in der sich alle önologisch Tätigen ein gewaltig Rüstzeug zulegen müssen, um auf einen sich total verändernden Markt zu reagieren. Heute: der Sound von zwei Winzerpaaren. Erste Station: Rheinhessen. Der Rote Hang ist historisch ein Weißweinmonument. Riesling, roter Schiefer, Säure. Rotwein kommt hier in den klassischen Erzählungen nicht vor – oder höchstens als Fußnote. Und genau deshalb lohnt der Blick auf das Weingut von Lisa Bunn und Bastian Strebel. Die beiden haben 2011 begonnen, den elterlichen Betrieb weiterzuführen – nicht aus romantischem Impuls, sondern aus Notwendigkeit: Bioumstellung, Handlese, großes Holz, Spontangärung. Kein radikaler Gestus wie ihn viele in diesen Jahren pflegten, sondern eher ein behutsames Umschalten auf maximale Ernsthaftigkeit.
Der Nierstein Spätburgunder vom Rotliegenden 2022 (€ 20,00) zeigt genau das: kein restsüßer Pinot-Kitsch, kein Burgund-Abziehbild, sondern ein schlanker, präziser Wein mit mineralischer Spannung, feiner Frucht und kontrolliertem Holz: Tick Herzkirsche, erstaunlich viel Cassis, Tick Hagebutte, kaum Eukalyptus, Tick Bodensalze (nie überbordend) und ein bisschen Bitterschokolade. Ein Paradewein zu Schmorgerichten und Wild.
Der Pinot Noir 2022 (€ 11,90), der Einstiegswein, ist bemerkenswert unspektakulär – im besten Sinn. Sauber, zugänglich, ohne erklärungsbedürftige Ecken: lecker, und weg. Der Spätburgunder Reserve 2022 (€ 26,00) geht freilich weiter: mehr Tiefe, längerer Ausbau, spürbare Ruhe. Kein Muskelspiel, sondern Verdichtung. Und ein Wein zum lange Weglegen.
Und dann steht da noch der Frauengarten Spätburgunder „Wie alles begann“ 2011 (Preis auf Anfrage) auf dem Tisch. Kein Nostalgieprodukt, sondern ein Prüfstein. Im direkten Vergleich mit den 2022ern wird klar, wie stark sich der Stil bei Bunn entwickelt hat: weniger Holzbehauptung, mehr Präzision, mehr Selbstvertrauen. Der Wein hält – und erzählt rückblickend, warum die aktuellen Jahrgänge so souverän wirken.
Nächster Stop: die Wachau in Niederösterreich. Vor zwanzig Jahren war die Entscheidung von Elisabeth Pichler und Erich Krutzler, beide Kinder prominenter Winzer, ein eigenes Weingut in Oberloiben zu gründen, noch eine Wette auf Ausbruch und Aufmerksamkeit. Wie bei Lisa und Bastian am Roten Hang war es keine Geste des Aufbegehrens, sondern eine intensive Avantgarde, Ausprobieren und Zulassen, die den Unterschied machte: viel Zeit im Weinberg, sehr sanfter Kellerzugriff, spontane Gärungen und der Mut, Terroir weit über Moden zu stellen. Ich kostete ausschließlich Grüne Veltliner.
Der Veltliner Supperin 2024 (€ 34,00) ist ein Statement dieses Ansatzes: Er spiegelt die einzigartige Lage am Donauplateau, die salzige Würze und die Dichte des Bodens, ohne sich in Fruchtakrobatik zu verlieren – ein Wein, der zuerst Struktur zeigt und dann Frucht. Der Grüner Veltliner Rothenhof Alte Reben 2024 (€ 40,00) deutet an, was alte Reben leisten können: mehr Tiefe, mehr Spannung, ein Hauch von kräutriger Komplexität, getragen von mineralischer Frische: Tick Paprika, Tick Gelbwurz, Tick Beifuß, viel Steinobst, gering Quitte und auch so ein Hauch gekühltes Letscho. Beide Veltliner zeigen, wie konsequent Pichler-Krutzler Terroir lesen und in Wein übersetzen.
Der Grüner Veltliner Kellerberg 2024 (€ 58,00) aus der Paradelage oberhalb von Dürnstein ist ein engmaschiger, präziser Wein: er verbindet die eher sanfte Mineralität der Donauhänge mit einer stillen Konzentration, die erst nach einigen Minuten im Glas aufbricht – ein Ergebnis jener langen Vegetationsperioden und kühler Nächte, die die Wachau auszeichnen.
Und dann der Grüner Veltliner Pfaffenberberg Alte Reben „late release“ 2015 (€ 66,00): ein Wein, der zeigt, was Geduld bewirkt. Nach dem Keltern war der Wein reduziert, mineralisch, fast puristisch. Nach den Jahren der Flaschenreife öffnet er sich nun zu einer dichten, cremig-reifen Textur – ein Demonstrationswein dafür, wie formidabel Grüner Veltliner Alterung verträgt, ohne Frucht und Gewicht zu verlieren.

