(Manfred Klimek / WELT am SONNTAG)
Rotwein steht unter immensem Druck. Der Grund dafür: junge Menschen, gerne und auch verzerrend Generation-Z genannt, haben mit Wein weniger am Hut als die Generationen davor – da können auch die vielen hippen und tatsächlich noch neu entstehenden Winebars in aller Welt nicht drüber hinwegtäuschen. Klar ist: die erfolgreiche Erzählung von Weinkultur, die die letzten 40 Jahre auch modische Aspekte kannte, wird in den Umbrüchen der Zeit nicht fortgeführt werden können. Während Weißweine weltweit realtiv stabil bleiben und Roséweine seit ca fünf Jahren sogar enorme Zugewinne, vor allem bei Frauen, verzeichnen, sind Rotweine gerade total out. Das liegt auch an der als männlich und alkoholreich verschlagworteten Erzählung der Rotweinkultur. Doch die Krise bei Rotweinen, immer noch die Königsklasse der Kelterkultur, hat auch Vorteile: dieses Jahr kosten sehr große, sehr gesuchte Rotweine wie sie in unserer Liste stehen deutlich weniger als die Jahre zuvor. Sollten luxuriöse Rotweine gar wieder erschwinglich werden? Hier unsere Auswahl der Weinnachts-Rotweine 2025.
Ramon Bilbao Rioja Crianza 2022: ein unkomplizierter Rioja, der an Weihnachten niemanden überfordert und alle zufrieden macht. Und von dem wir gerne auch eine Flasche mehr trinken dürfen. Crianza bedeutet: die junge Kategorie. Was aber in der spanischen Rotweinkelter-Tradition mindestens zwei Jahre Zeit zum Reifen im Keller bedeutet – sechs Monate verpflichtend im Eichenfass, meist gebrauchte Barriques. Saubere Kirschfrucht, sanfte Vanille vom Toasting, ein Hauch Kokos und weiche Tannine. Frisch genug für Truthahn oder Ente, würzig genug für Rouladen. Ein moderner Klassiker mit verlässlicher Handschrift und erstaunlich guter Struktur für diese Preisklasse. Ein Wein, der zeigt, warum Rioja immer wieder als sichere Bank gilt: rund, warm, zugänglich – und dabei mehr als nur weihnachtliche Folklore. Ein Wein für jede Jahreszeit.
Ramon Bilbao: Rioja Crianza 2022, für € 8,35 bei www.conderwines.de
Max Ferdinand Richter Pinot Noir 2023: der erste von zwei beachtlichen Mosel-Pinot-Noir, mit filigraner Hand und beeindruckender Klarheit gekeltert. Der Winzer exportiert davon eine Menge der verglichen mit Riesling wenigen Flaschen des Guts in die USA, wo dieser Burgunder als anständiges Glas Rotwein gerade viele teurere, einfache Burgunder aus Frankreich in der gehobenen Gastronomie ablöst. Die rote Frucht wirkt glockenklar, absolut burgundisch in der Aromatik, aber mit dieser moselanischen Leichtigkeit im Tannin, die ihn gefährlich trinkfreudig macht. Zart, präzise, unaufgeregt – ein idealer Begleiter für festliche Vorspeisen und leichte Fleischgerichte. Dieser Pinot Noir zeigt, dass Constantin Richter nicht nur Riesling perfekt zu keltern vermag, sondern Rotwein mit überraschender Feinheit denken kann. Immer mit dabei: ein lecker Stück Salze des Schieferterroirs.
Max Ferdinand Richter: Pinot Noir 2023, für € 18,50 bei www.maxferdrichter.de
López de Heredia Viña Tondonia Cubillo Crianza 2017 ist Rioja und Tempranillo, wie nur Heredia ihn macht: ein Crianza, der im Weingut wie alle Weine von Tondonia viele Jahre im Keller in der Flasche reifen durfte. Das ist in der Weinwelt fast ein Alleinstellungsmerkmal und sagt auch, dass das traditionelle Haus genug Kapital hat, sich diese Flaschenlager auch leisten zu können. Der Cubillo ist freilich traditionell gekeltert, nie ein Experiment, fein oxidativ, voller nobler Patina. Reife rote Frucht, Leder, Schwarztee, gering Rauch, ein Hauch Zedernholz, eine nahezu perfekte, appetitanregende Säure – ein Wein wie aus der Zeit gefallen, aber in bester Weise. Cubillo ist der Einstieg in die Tondonia-Welt und bereits hier zeigt sich bereits die Grandezza des Hauses. Perfekt zu Braten, Wild oder Gans. Ein Rioja mit Seele und für diesen Preis unglaublicher Festtags-Eleganz. Braucht eine Stunde Luft vor dem Trinken.
Lopez de Heredia: Vina Tondonia Cubillo Tinto Crianza 2017, für 19,90 bei www.gute-weine.de
Lungarotti Montefalco Sagrantino 2020 zeigt Umbriens weithin unbekannte und eigentlich perfekte Rotweinsorte Sagrantino als Statement-Wein: dunkel, massiv, getragen von einer Tanninstruktur, die selbst piemonteser Barolos in den Schatten stellen kann. Lungarotti zügelt die Sorte gerade genug, um Trinkfluss zu ermöglichen, ohne die Wucht zu glätten. Schwarze Beeren, Graphit, Bitterschokolade – ein kraftvoller Weihnachtswein für große Teller. Wer Sagrantino kennt und versteht, liebt ihn für genau diese Unbedingtheit.
Lungarotti: Montefalco Sagrantino DOCG 2020, für € 34,99 bei www.wir-winzer.de
Paul Achs Pinot Noir Reserve Selektion P 2022 gehört zu den elegantesten Pinot Noirs des Burgenlands. Das liegt auch am Winzer und seiner Liebe zu roten Burgunder,n die er schon pflegte, als die Sorte im Burgenland noch als scher vermittelbarer Exot galt. Feine Kirschfrucht, kühle Mineralität, seidige Länge. Nichts laut, nichts überextrahiert, alles präzise gesetzt. Die P-Selektion trägt französiche Ambitionen, aber mit eindeutig pannonisch, warmer Signatur. Festlich, nobel, ein Pinot für die ruhigen, konzentrierten Momente am Weihnachtsabend. Benötigt zwei Stunden Luft in der Karaffe.
Paul Achs: Pinot Noir Reserve Selektion P 2022, für € 47,90 bei www.bremer-weinkolleg.de
Markus Molitor Pinot Noir*** Graacher Himmelreich 2019 ist der zweite interessante Pinot Noir, hierzulande besser als Spätburgunder bekannt, von der Mosel und ist 100-Parkerpunkte-Winzer Molitors gehaltvolles und gelungenes Experiment, in dieser expliziten Weißweinregion große Rotweine zu keltern: ein aristokratischer, tiefgründiger Pinot, kühl, strukturiert, mit feiner Holzwürze und schon dramatischer Länge im Schluck. Molitor vinifiziert Pinot Noir mit derselben pedantischen Präzision wie alle seine Weißweine, und das schmeckt man: Klarheit, Tiefe, Ruhe. Ein Wein für große Weihnachtsabende und zugleich ein Sammlerwein mit Zukunft. Braucht mindestens zwei Stunden Luft.
Markus Molitor: Pinot Noir Graacher Himmelreich 2019, für € 128,00 bei www.ludwig-von-kapff.de
Château Le Gay 2001 in der Magnumflasche (1,5 l) zeigt Pomerol in perfekt reifer Perfektion und innerer Ruhe aus einem total unterschätzen Jahr, das zuverlässig große, elegante Altweine garantiert: samtige Struktur, warme dunkle Frucht, Trüffel, Zedernholz, gering auch der kleine feuchte Pferdesattel im Geruch, für den vor allem ältere, traditionelle Bordeaux’ bekannt sind. In der Magnum ist der Wein besonders harmonisch und erstaunlich jung. Le Gay 2001 zeigt, wie schön Merlot altern kann: würdevoll, tief, ohne jede Müdigkeit. Ein großer Weihnachtswein, der von Eleganz, Zeit und langer Flaschenreife erzählt. Schnell zuschlagen: es gibt nur wenige Flaschen. Wichtig: nicht in die Karaffe, sondern aus der 30 Minuten vorher geöffneten Flasche einschenken.
Chateau Le Gay 2001, Magnumflasche, für € 220,00 bei www.trinkreif.at
Les Forts de Latour 2005 steht dem Erstwein, Château Latour, geschmacklich sehr nahe. Grund dafür ist das perfekte und jetzt perfekt antrinkbare Weinjahr 2005: gewaltige Struktur, enorme Präzision und die typische Latour-Würde. Schwarze Johannisbeere, Graphit, Tabakblätter, hohe, gewaltige Eleganz. Pauillac in seiner seriösen, majestätischen Gestalt. Groß im Glas, ernst am Tisch, doch immenser Freudespender. Ein Weihnachtswein für jene, die Bordeaux als Königsdisziplin verstehen. Braucht zwei Stunden Luft. Leistbarer Luxus.
Château Latour: Les Forts de Latour 2005, für € 245,00 bei www.vintage-grapes.com
Leroy Bourgogne Rouge 2018 besitzt eine Intensität, wie man sie in dieser Kategorie kaum findet. Kein Wunder: Leroy ist einer jener ewig alten Kultwinzer der Burgund, deren Flaschen an Händler zugeteilt werden. Dieser Bourgogne Rouge ist einer der einfachsten Weine des Hauses – und kann dennoch vor Größe kaum gehen. Dunkelwürzig, konzentriert, gleichzeitig seidig, extraktreich und voll Spannung. Ein Pinot Noir, der andere Rotweine der Region, selbst jene aus bekannten Lagen, wie Nebendarsteller wirken lässt. Pure Konzentration, aristokratische Aromatik: ein Festtagswein, der keine große Lage braucht, um Großes zu liefern. Braucht zwei Stunden Luft.
Leroy Borgogne Rouge 2018, für € 294,00 bei www.bottle-hero.de
Joseph Drouhin Grands Échezeaux Grand Cru 2021 ist der Inbegriff von Pinot-Eleganz und Legende. Einer der besten, vornehmsten und größten Rotweine der Welt: feine rote Frucht, kühle Herzkirsche, gering Lorbeerblatt, ziselierte Säure und eine Länge, die den Moment zur Andacht werden lässt. 2021 wirkt schlank, klassisch, puristisch – ein Jahrgang, der Terroir über Kraft stellt. Ein Weihnachtswein für die Spitze des Festes: erhaben, konzentriert, unvergesslich. Mittags öffnen und ab in die Karaffe.
Joseph Drouhin: Grands Echezeaux Grand Cru 2021, für € 882,57 bei www.perbaccowine.de

