(Manfred Klimek)
Es gibt kleine Wendepunkte im Krieg etablierter Asketen überkorrekter Medien gegen Wein. Einer davon kam gerade, wie so oft, leise daher, Aber ausgerechnet in jenem Blatt, das sich in den vergangenen zwei Jahren mit als Sprachrohr der moralschwangeren Askeseforderung hervorgetan hatte: der Süddeutschen Zeitung.
Dort, wo sonst mit der missionarischen Akribie eines Verkehrspolizisten vor den tödlichen Gefahren eines Aperitifs gewarnt wurde, liest man nun, fast flüsternd, die Nachricht, die für all jene wie Musik klingt, die Wein nicht als Sünde, sondern als Kultur begreifen: Wein ist nicht so tödlich, wie uns die “Schwindligen” der WHO und seit bald zwei Jahren an ihren Dry-Orgy-Days eintrichtern wollen.
Oder, wissenschaftlich formuliert: Moderater Alkoholkonsum kann – ja, man halte sich fest – das Leben verlängern.
Die Rückkehr der Vernunft in die Gläser der Wirklichkeit
Die Quelle dieser Ketzerei ist kein dubioses Weinmagazin, sondern die Nationale Akademie für Wissenschaft, Ingenieurswesen und Medizin der USA (Nasem). In einem 253 Seiten langen Bericht – „Review of Evidence on Alcohol and Health“ – kommen die Experten zu einem Ergebnis, das man nicht nur in Teilen der Süddeutsche-Redaktion bisher für Ketzerei gehalten hätte: Menschen, die maßvoll trinken, leben länger. Ihre Herz-Kreislauf-Gesundheit ist besser. Ihre Gesamtsterblichkeit niedriger.
Wie kann das sein, wo doch Talkshowpriester und Askeseblogger seit Jahren das Mantra predigen, dass „schon das erste Glas Wein Krebs verursachen kann“?
Ganz einfach: das Leben ist komplexer ist als eine Suchtstatistik.
Die Nasem-Studie fand, dass bei moderatem Konsum – das heißt, bei einem Glas Wein pro Tag für Frauen und zwei für Männer – die Gesamtsterblichkeit um 16 bis 23 Prozent sinkt.
Das Risiko für Herzinfarkt reduziert sich um 22 Prozent, das für Schlaganfall um elf.
Lediglich bei Brustkrebs (und so wie ich die Studie lese bei beiden Geschlechtern) zeigte sich ein leichter Anstieg um fünf bis zehn Prozent – was im Kontext unbedingt Erwähnung bedarf.
Der Wein, der in der Statistik verschwand
Die eigentliche Pointe liegt aber tiefer: In den letzten Jahren hatten viele Studien, auf die sich die Abstinenzbewegung so gern stützte, einen simplen methodischen Fehler – sie warfen Nichttrinker und Ex-Trinker in denselben Topf.
Und Ex-Trinker, das sind häufig Menschen, die, völlig richtig so, aus gesundheitlichen Gründen mit dem Alkohol aufgehört haben. Doch wer sie mit kerngesunden Weinfreunden vergleicht, kommt natürlich zu der voreiligen Schlussfolgerung, dass Wein gefährlicher sei als Verzicht auf Wein.
Die neue US-Studie hat diesen Unsinn erneut korrigiert. Und plötzlich ergibt sich erneut, und diesmal vielleicht mehr in die Welt getragen, ein ganz anderes Bild: Der moderate Weinkonsument lebt länger – nicht trotz, sondern wegen seines Glases.
Die Moralmaschine stottert
Natürlich beeilen sich die Autoren, in bester amerikanischer Haftungsrhetorik, sofort zu betonen, dass das „keine Empfehlung“ sei, Alkohol zu trinken. Man könnte fast meinen, sie hätten Angst, dass ein gesundheitsbewusster Leser zwischen den Zeilen schon nach dem Korkenzieher greift.
Doch der Geist ist aus der Flasche.Und während die moralische Erziehungsfraktion noch versucht, ihre alten Thesen zu retten, beginnt die Statistik zu sprechen. Sie sagt: Das Maß ist das Maß.
Vom „Dry January“ zum nassen Realismus
Es ist kaum zwei Jahre her, da schien der Dry January zur Ersatzreligion geworden zu sein.
Die Süddeutsche, der Guardian, DIE ZEIT – sie alle wetteiferten um die schönste Metapher des Verzichts. Wein war plötzlich das neue Rauchen, Sekt das neue Cholesterin. Ein ganzer Medienteil predigte Abstinenz, flankiert von einer Industrie alkoholfreier Alternativen – die sehr wohl hervorragend ergänzen können; ohne Wein zu ersetzen.
Es ist eben nicht der Wein, der uns krank macht, sondern die Verlogenheit, mit der über ihn gesprochen wurde. Und wird.
Die neue Studie beendet nun erneut eine Ära der Unsicherheit. Sie zeigt, dass maßvoller Genuss kein Verbrechen, sondern ein Teil eines gesunden Lebens sein kann. Dass ein Glas Wein zum Abendessen mehr bedeutet als Kalorien und Promille – nämlich Ritual, Rhythmus, Beziehung.
Ein Glas Vernunft, bitte
Der Bericht aus den USA ist kein Freibrief zum Trinken, sondern ein längst überfälliges Korrektiv. Er erinnert daran, dass es zwischen dem ersten Glas und der Leberzirrhose so etwas wie Innehalten, bewussten Konsum und auch Maß gibt.
Und dass die Wahrheit meist in der Mitte liegt – dort, wo das Leben stattfindet.
Die Süddeutsche Zeitung, bisher als Sprachrohr der Überkorrektheit bekannt, hat damit ungewollt einen Akt der Wiedergutmachung begangen: Sie hat den Wein zumindest ein bisschen rehabilitiert.
Sodass nach Jahren der bewussten Lügen endlich wieder ein Glas Wein als das gelten darf, was es ist – ein Grund, miteinander zu reden, statt einander erziehen zu wollen.

