(Manfred Klimek / Winzer am Foto: Pollerhof, Weinviertel)
Über Wein, Wandel und Wirklichkeit
Ich sollte gestern in Oppenheim am Rhein sprechen. Bei einer Veranstaltung der Landesregierung. Über Wein, Wandel und Wirklichkeit. Ein so genannter Keynote-Speech. Keine Ahnung, was das sein soll – aber bitte gerne.
Doch die Deutsche Bahn hatte andere Pläne mit mir. Und mit dem in Oppenheim wartenden Publikum: Züge fielen aus, Verbindungen brachen ab, Anschlüsse verpassten sich selbst. Ich strandete irgendwo zwischen Mainz und Bedeutungslosigkeit. Und letztlich, und bedeutend, bei Stefan Steinmetz an der Mosel, wo ich heute die Keysätze meiner Keynote-Rede (wos is des eigentlich?) aufschreibe. Das, was ich gestern hätte sagen wollen – und das, was heute vielleicht sogar wichtiger ist, als es gestern gesprochen zu haben.
1. Der Zug als Zustand
Vielleicht ist diese Panne ein Sinnbild. Auch die Weinwelt ist auf einer Strecke unterwegs, die keiner mehr instand hält.
Signale fallen aus, Weichen klemmen, und jeder glaubt, sein Waggon fahre besser allein durch die Unwirtlichkeiten der Gegenwart.
Doch der Wein ist kein Solist. Er ist ein Orchester. Und dieses Orchester droht gerade, sich selbst zum Schweigen zu bringen. Auch, weil das Orchester nie einen Dirigenten hatte, der das große Ganze sieht und bewahren will.
Ich war nur Teilzeitwinzer, immerhin mit 93 Parker-Punkten ausgezeichnet (danach habe ich gleich aufgehört), aber ich kenne das Gefühl, etwas bewahren zu müssen, das ständig angegriffen wird: Wahrheit, Handwerk, Sinn, Liebe, Leben, Genuss. Weltumarmung.
Wein ist wie Schreiben – beides braucht Geduld, Klima, Selbstzweifel und die Bereitschaft, Fehler zu machen und zu verzeihen.
2. Der neue Puritanismus
Seit die WHO vor zwei Jahren verkündete, kein Tropfen Wein sei sicher, sei sogar anleihenschaft tödlich – das übrigens auf Basis keiner einzigen Langzeitstudie –, rollt eine Welle des moralischen Revisionismus über die Weinwelt – vor allem die deutsche. Sie trifft den Wein härter als alles andere, weil Wein ein großer Markt ist, immer noch ein Milliardenmarkt, den die Anti-Alkohol-Lobby erst sehr spät als solchen erkannt hat – und in ihm auch den enzig relevanten Gegner in dem von ihr angestachelten Krieg.
Diese Gegenseite, diese Kriegserklärer, argumentieren nicht mit Wissenschaft, sondern mit Scham.
Sie bedienen alte Instinkte: Reinheit, Askese, Kontrolle.
Sie mischen sich mit religiösen Motiven, mit einer Woke-Moral, die längst zur neuen Kirche geworden ist –
nur ohne Musik und ohne Beichte.
Journalisten, die einst Fragen stellten, verkünden jetzt Wahrheiten.
„Haltung“ ersetzt Recherche.
In Leitartikeln wird Alkohol nicht mehr differenziert, sondern dämonisiert.
Und ausgerechnet jene, die sonst für Vielfalt eintreten, akzeptieren beim Genuss nur noch Monotonie.
3. Der Wein als Projektionsfläche
Wein, heißt es jetzt, sei männlich, reaktionär, elitär – ein Eindruck, der trotz einer veränderten Weinwelt immer noch sich selbst in den Sozialen Medien beweist. Mit Etikettentrinkern, die eben ausschließlich “Mein Haus, mein Auto, meine Finca, mein Weinkeller”-Poster sind.
Ein Getränk der Besitzenden.
Der SUV im Glas.
Der Bourgeois in der Flasche.
Und wie beim Auto reicht das moralische Unbehagen über den Verbrenner aus, um eine ganze Kultur zu diskreditieren – vor allem bei den Jugendlichen – wenn es die überhaupt noch gibt, im Gebärstreik des satten, linksliberalen Bürgertums.
Böhmermanns Anti-Wein-Sendung vor zwei Jahren war da nur die Karikatur eines tieferen Reflexes:
das Bedürfnis, alles Alte zu stürzen, um Junge sich jung fühlen zu lassen.
Die chinesische Kulturrevolution aus 1966 im Lifestyle-Format der Post-Covid-Ära.
Das ist das Neue dieser Zeit. Und der Weinbau ist Opfer und Kolloteralschaden eines viel, viel größeren gesellschaftlich-wirtschaftlichen Umbruchs, der eher mit der industriellen Revolution des Manchaster-Kapitalimus um 1845 verglichen werden kann, als mit dem Erscheinen des Internet um 1990.
Dieser maßgeblichen Veränderung muss sich auch der kleinste aller Winzer gewahr werden, wenn er die Bedrohung fassen und verbalisieren will. Und bald wird Wollen von Müssen verdrängt werden.
4. Das Vakuum der Sinnlosen
Wir leben in einer Zeit ohne Mitte.
Religion, Politik, Presse – alles, was früher Orientierung bot, hat an Autorität verloren.
Was bleibt, ist das Bedürfnis nach erklärter Reinheit, nach selbstgewisser Dominanz eines Guten, Schönen und Wahren
Und Reinheit ist immer autoritär.
Sie duldet keine Grautöne, keine Halbheiten, keine leicht berauschte Weinseligkeit.
Der Verzicht wird zur Tugend, der Genuss zur Schuld.
Und so wie der Zucker aus Teilen der Ernährung des neuen Bürgertums verschwand (und bei “den Proleten” immer noch fröhliche Urstände feiert), soll jetzt der Wein aus der bürgerlichen Kultur verschwinden. Leider empfinden das junge Bürgerliche, vor allem jene in Medien, als Kampfauftrag. Und nicht als Kulturverlust – auch, weil Kultur keine Breite und keinen Diskurs mehr kennen soll.
5. Der demografische Bruch
Aber auch jenseits der Ideologie steht der Wein vor seiner größten strukturellen Zäsur.
Es gibt nur noch halb so viele junge Menschen wie in den Boomer-Jahren, nur noch halb so viele Jugendliche wie in meiner Jugend.
Und von dieser Hälfte hat ein Drittel einen islamischen Hintergrund – und damit eine religiöse Distanz zum Alkohol.
Diese jungen Menschen sind nicht gegen Wein, er ist ihnen schlicht fremd.
Gleichzeitig sterben jene langsam aus, die Wein noch als Haltung verstehen. Als Kultur gegen einen grauen und von grauem Kapitalismus geprägten Alltag. Zwischen Reinheitsglaube und Ratlosigkeit steht eine Branche, die ihre Jugend und ihre Jugendlichen verloren hat.
6. Der Verlust der Aura
Wein war einmal der Herzschlag des modernen Lebens.
Cordobar, Freundschaft, Schluck, Noble Rot – das war vor acht Jahren. Wein war hip! Erst vor acht Jahren!
Heute?
Wein ist wieder still geworden, unsexy, angezählt.
Und das nicht, weil er schlechter wurde, sondern weil er leiser blieb, während andere laut schrien.
7. Die Zukunft schmeckt anders
Bars können reagieren. Sie spielen mit Null-Prozent-Gins, entwerfen alkoholfreie Cocktail-Menüs, mixen Geist ohne Promille – und das klappt sogar. Deswegen sind Bars auch in einem islamischen Umfeld möglich
Beim Wein ist das schwieriger.
Entalkoholisierte Weine verlieren, was sie sind – ihren Gärprozess, ihre Seele, ihren Rhythmus.
Man kann sie technisch reparieren, aromatisch schminken – aber sie bleiben ein Kunstprodukt. Und dieses Kunstprodukt zu stärken ist ein Fehler – eine Amputation, die eine Prothese implantiert, die von einer im Gesamten unkundigen Intelligenz gesteuert wird. Don’t follow this way!
Die Hoffnung liegt woanders: in der Biodynamie, im Handwerk, im Glauben an Kreisläufe statt Kontrolle.
Die junge Generation akzeptiert keinen Wein mehr, der industriell schmeckt.
Sie will Herkunft, nicht Marke. Wahrheit in der Wirkichkeit, nicht Etikett.
8. Die Gegenoffensive
Was tun?
Wir brauchen eine Bewegung. Keine Messe, keine Kampagne.
Eine neue Sprache, eine neue Ironie, eine neue Lust.
Etwa Weinwahlkampfstände in den kommenden “echten” Wahlkämpfen, die den Wahlkampfständen anderer Parteien Paroli bieten.
„Trink Dir die Politik schön – mit deutschem Wein.“
Weingläser auf Festivals, auf der Berlinale, sichtbar nicht nur auf Vernissagen.
Und vor allem: Winzerinnen, Winzerinnen, Winzerinnen
Denn wer Frauen attackiert, verliert.
Das ist Gesetz bei Woke. Und wir sollten die Gesetze von Woke für unsere Belange nutzen.
9. Sharing is Caring
Aber das Wichtigste: Die Weinwelt muss endlich begreifen, dass sie nur gemeinsam überlebt.
Die Zeit der Eifersucht, der Missgunst, des Neids (vor allem in Deutschland) muss schnell und endgültig vorbei sein.
An der Mosel, wo ich gerade bin, ist sie noch Alltag – jeder gegen jeden.
Der Nachbar wird eher bekämpft als bewundert oder gelobt
Der Applaus der anderen gilt als Verrat.
Doch Missgunst ist der Schimmel im Fass zukünftiger Weine.
Solange Winzer übereinander schlecht flüstern statt füreinander gut zu sprechen, solange der Erfolg des anderen als Kränkung empfunden wird, wird der Wein keine Zukunft haben.
Sharing is caring (2)
Jeder Winzer, jede Winzerin sollte jeden großartigen Beitrag der anderen teilen.
Über Grenzen, Generationen, Anbauverbände hinweg.
Das ist keine Geste der Freundlichkeit – das ist Strategie.
Der Algorithmus liebt Solidarität.
Was geteilt wird, wird sichtbar.
Und Sichtbarkeit ist das Überleben der Gegenwart.
Nur so entsteht Bewegung.
Nur so entstehen Geschichten, die sich gegen den Strom behaupten.
Denn der Feind steht nicht im Nachbardorf –
er sitzt in den Chefetagen der digitalen Plattformen,
wo Kultur nach Klicks bemessen wird.
(Lesen Sie bitte dazu auch unsere Initiative Friedensnobelpreis für Wein https://nobelprize.wineparty.wine/)
10. Die deutsche Krankheit
Das größte Problem ist nicht das Klima, nicht der Markt, nicht einmal der Alkohol.
Es ist die deutsche Mentalität: endloses Bedenkenträgertum, dümmliche Bürokratie, unduldsame Vorsicht, behämmerte Vereinzelung.
Die Angst, gemeinsam zu scheitern, ist größer als der Wunsch, gemeinsam zu glänzen.
In Italien, Österreich und der Schweiz beginnen sie das zu kapieren.
In Deutschland schreibt man Protokolle.
11. Das Vermächtnis
Ich hätte das gestern gerne in Oppenheim erzählt – ausführlicher zudem.
Über Wein, Wandel und Wirklichkeit.
Über ein Getränk, das nie nur Rausch war, sondern Erinnerung an kulturelle Relevanz, die weit über den Weinbau hinausgeht. Über eine Kultur, die sich selbst abschafft, wenn sie dem Wein entsagt.
Ein Abendland, das den Morgen verliert.
Denn der Wein ist kein Laster.
Er ist Lehrer.
Er lehrt Geduld, Hingabe, Maß und Demut.
Er verbindet das Irdische des Bodens mit dem Menschlichen der Kreatur, das Flüchtige mit dem Beständigen.
Und vielleicht war es gut, dass ich die Rede nicht halten konnte.
Denn so durfte sie eine Nacht lang atmen.
Wie ein Wein, der in der Karaffe am Tisch vergessen wurde.
Und dann, endlich, zu sich selbst findet.
Lesen Sie bitte dazu auch unsere Initiative Friedensnobelpreis für Wein https://nobelprize.wineparty.wine/

