(Redaktion)
Es ist ein Moment, den man im Weinjournalismus, im Journalismus generell, selten erlebt. Ein Moment, in dem ein Presserzeugnis in Sachen Wein nicht verkostet, nicht empfiehlt, nicht schwärmt – sondern attackiert. Und zwar frontal. Das Magazin Cicero hat am 14. April genau das getan. In einem Beitrag über die Anti-Alkohol-Strategie der WHO fällt ein Wort, das im Weinjournalismus bislang selten bis nie vorkam: „Lüge“.
Man muss sich das klarmachen. Über die letzten drei hinweg war der Ton in der Auseinandersetzung zwischen Weinwelt und der Weltgesundheutsorganisation asymmetrisch. Hier die WHO mit ihren Papieren (die nie Studien waren), ihren globalen Kampagnen, ihrer moralischen Autorität. Dort eine Branche, die bestenfalls leise widersprach, oft aber gar nicht reagierte. Und nun schreibt ein Autor in einem seriösen, bürgerlich verorteten Medium, die WHO habe „wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse systematisch ausgeblendet“.
Der Text selbst ist kein wissenschaftlicher Aufsatz. Er ist ein Gastbeitrag des Weinhändlers Phillip Schwandner – und damit per se Position und selbstredend sofort anfechtbar. Aber er ist präzise genug, um nicht als bloße Polemik durchzugehen. Der Autor verweist – wie es auch die Wineparty seit Januar 2025 tut – auf neuere Studien, die das lange dominierende Narrativ – jeder Tropfen Alkohol sei schädlich – zumindest relativiert, wenn nicht in die Tonne tritt. Er erinnert an die sogenannte J-Kurve, jene statistische Beobachtung, dass moderater Konsum in bestimmten Altersgruppen mit geringeren Risiken einhergehen kann als völlige Abstinenz. Und er stellt die Frage, warum genau diese Differenzierungen in der öffentlichen Kommunikation kaum noch vorkommen. Eine Frage, die wir ebenfalls ständig stellen – und nur seltsame, ausweichende, dumme, unjournalistische Antworten bekommen.
„Vision Zero“ nennt er die Strategie der WHO. Ein Begriff, der aus der Verkehrspolitik stammt und dort für die vollständige Eliminierung von Todesfällen steht. Übertragen auf Alkohol bedeutet das: kein sicherer Konsum, keine Grauzonen, keine kulturelle Einbettung – nur Risiko. Dass ein solches Modell auf Widerstand stößt, überrascht nicht. Dass dieser Widerstand nun endlich aber in dieser Schärfe formuliert wird, schon.
Interessant ist dabei weniger die Frage, ob der Autor recht hat. Die wird die Wissenschaft – wenn überhaupt – nur langsam und widersprüchlich beantworten. Interessant ist, dass sich der Ton verschiebt. Dass ein Medium wie Cicero bereit ist, die Deutungshoheit einer globalen Institution öffentlich anzuzweifeln. Und zwar nicht mit der üblichen journalistischen Vorsicht, sondern mit dem Begriff Lüge, der bewusst provoziert. Dass dieser Text von der Chefredaktion freigegeben wurde bedeutet auch, dass diese sich im Klagsfall hinter ihren Autor stellt.
Natürlich mpüssen wir den Text auch kritisch lesen. Er ist selektiv, wie viele Beiträge in dieser Debatte selektiv sind. Er stellt Studien nebeneinander, ohne ihre methodischen Unterschiede vollständig auszuleuchten – was auch der so genannte seriöse Journalismus in dieser Sache seit 2023 tut. Er argumentiert aus einer Perspektive, die dem moderaten Weinkonsum grundsätzlich wohlgesonnen ist. Aber genau darin liegt auch seine Bedeutung: Er macht sichtbar, dass es diese Perspektive gibt – und dass sie bislang kaum Raum hatte.
Denn das eigentlich Bemerkenswerte ist nicht die Kritik an der WHO. Es ist die Tatsache, dass diese immens harte Kritik überhaupt veröffentlicht wird. Dass ein etabliertes Medium bereit ist, eine dominante Erzählung zu hinterfragen, die in den vergangenen Jahren nahezu widerspruchsfrei durch Politik, Medien und Öffentlichkeit getragen wurde. Und dass es dabei ein Risiko eingeht – das Risiko, missverstanden zu werden, angegriffen zu werden, in den sozialen Netzwerken zerrieben zu werden.
Eventuell ein entscheidender Wendepunkt im Kampf gegen/für Wein. Nicht die eine Studie gegen die andere. Nicht die Frage, ob ein Glas Wein schadet oder nicht. Sondern die Rückkehr zu einer offenen Debatte, in der Widerspruch wieder möglich ist. In der nicht jede Differenz sofort als Verharmlosung gilt – als Provokation einer alten Kultur, die nach Meinung vieler junger Redakteurinnen (Männer mitgemeint) so schnell wie möglich aus dem Alltag verschwinden sollte.
Der Schaden der vergangenen Jahre bleibt. Die Verkürzungen, die Überzeichnungen, die moralische Aufladung eines komplexen Themas – all das wird nicht einfach verschwinden. Aber mit Texten wie diesem beginnt etwas anderes: eine harte Korrektur. Kein Gegennarrativ, keine neue Gewissheit. Sondern ein Zweifel. Und Zweifel ist, im besten Sinne, der Anfang von Erkenntnis.

