(Claude Auguste)
Der Dry January steht bevor. Noch ein Jahr, noch ein Anlauf, noch ein Versuch, einen ganzen Monat zur moralischen Reinigungszone zu erklären. Was 2024 als popkultureller Kreuzzug gestartet war – gegen Alkohol im Allgemeinen und Wein im Besonderen –, könnte in diesem Januar erstmals spürbar an Wirkung verlieren. Die erste Kampagnenwelle war laut, schrill, missionarisch: ein perfekter Schulterschluss zweier Milieus, die sonst nichts miteinander verbindet. Auf der einen Seite religiös aufgeladene Abstinenzprediger, die Alkohol als moralische Gefahr definieren. Auf der anderen Seite die hyperbewusste Wellnessfraktion urbane Bürgerlichkeit, die Askese zur Tugend erklärt. Beide haben im Wein einen Gegner gefunden, der sich gut eignet für symbolische Politik: zu alt, zu frei, zu sinnlich, zu wenig kontrollierbar.
Doch in diesem Januar könnte etwas kippen. Es deutet sich an, dass viele Menschen die Erzählung vom Wein als gesellschaftlichem Problem nicht mehr mit voller Überzeugung mittragen. Die Deutungshoheit bröckelt. Die Müdigkeit wächst. Die eigene Überhöhung der letzten Jahre – Wein als Feindbild, Genuss als Verdacht – wirkt abgenutzt. Denn Menschen halten Kampagnen-Eifer nur begrenzt aus. Und niemand entdeckt in Abstinenz eine Identität, die länger trägt als der Kalendermonat, der sie einrahmt.
Natürlich: Auch 2026 werden viele den Konsum reduzieren. Auch das ist gut und sinnvoll. Aber zwischen kluger Pause und moralischer Mission liegen Welten. Und genau dort entsteht Distanz. Die Frage drängt sich auf, ob der Krieg gegen Wein noch erklärt werden kann, ohne ins Schrille abzugleiten. Ohne Übertreibung. Ohne Drohgebärde. Ohne den Versuch, Genuss kulturell zu entwerten.
Die kommende Debatte wird vermutlich noch einmal laut werden. Doch ob sie noch dieselbe Kraft hat wie in den Vorjahren, ist offen. Denn die Menschen haben längst gemerkt, was hinter den Botschaften steht: keine echte Gesundheitsdiskussion, sondern ein Machtspiel um Deutungshoheit. Nicht Risikoaufklärung, sondern Kontrolle. Nicht Aufklärung, sondern Erziehung.
Wein wird diesen Januar nicht wegen heroischer Verteidigung bestehen, sondern wegen Normalität. Weil Genuss nicht verschwindet. Weil Kultur bleibt. Und weil der Mensch, bei aller Bereitschaft zur Veränderung, eines nur schwer erträgt: moralische Belehrung ohne Geschmack.

