(Redaktion, Reuters – Foto)
Man könnte lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Da bereitet die UNO-Generalversammlung zu ihrem 80. Geburtstag einen Akt vor, der Wein in die Nähe von Zigaretten und Crystal Meth rückt – und das mit vier unscheinbaren Zeilen im Programmpunkt zur „Prävention nichtübertragbarer Krankheiten“. Dort heißt es trocken, man wolle die „schädliche Nutzung von Alkohol“ reduzieren, indem Werbung verboten, die Verfügbarkeit eingeschränkt und der Konsum im öffentlichen Raum unterbunden wird.
Die Académie Internationale du Vin, ein Gremium von rund hundert anerkannten Weinpersönlichkeiten aus aller Welt, hat nun einen öffentlichen Appell formuliert. Schon das ist bemerkenswert: In über fünfzig Jahren ihres Bestehens ist die AIV noch nie so aufgetreten. Doch die drohende Einstufung von Wein als prinzipiell gefährliches Suchtmittel treibt selbst dieses leise Kollegium aus dem Elfenbeinturm.
Das Problem ist nicht, dass solche Kampagnen vorbereitet werden. Das Problem ist, dass der Schaden längst angerichtet ist. Seit zwei Jahren wird in internationalen Medien unisono behauptet, es gebe beim Wein „no safe level“. Schon die geringste Menge sei Gift. Dass die entsprechende Studie methodisch fragwürdig war, dass zahllose Ärzte und unabhängige Forscher auf Fehler hingewiesen haben, dass seriöse Langzeitstudien ganz andere Ergebnisse liefern – geschenkt. Fakten haben in dieser Debatte keinen Marktwert mehr. Was bleibt, ist ein Schlagwort, und das lässt sich vortrefflich vermarkten: Wein ist gefährlich.
Dabei weiß jeder, der die Zahlen nüchtern liest: In den meisten Ländern des Westens liegen die alkoholbedingten Erkrankungen, die nachweislich mit Wein in Verbindung stehen, bei unter vier Prozent (eingeräumt sei. dass es da sicher auch Personen gibt, die in den Statistiken und Bulletins keinen Platz gefunden haben, weil sie unterhalb des medizinischen Radars alkoholkrank sind). Die große Mehrheit erkrankt durch Spirituosen, durch billigen Schnaps, durch exzessiven Konsum harter Getränke. Aber warum differenzieren, wenn man mit pauschaler Angstmache Schlagzeilen produzieren kann?
Die Geschichte wiederholt sich. Schon die amerikanische Prohibition der 1920er Jahre stützte sich weniger auf Fakten als auf moralische Kampagnen. Damals wie heute war es einfacher, ein kultiviertes Genussmittel zum Feindbild zu erklären, als sich mit den eigentlichen Ursachen von Sucht, Elend und sozialer Ungleichheit auseinanderzusetzen. Auch damals standen mächtige Lobbygruppen bereit, die den Diskurs lenkten. Am Ende blühte der Schwarzmarkt, und die Gesellschaft zahlte einen hohen Preis – während die Politik behauptete, sie habe das Problem gelöst.
Während die WHO sich im Januar 2023 zu einer Warnung hinreißen ließ, die weltweit ungeprüft in den Medien abgeschrieben wurde, haben die Sober-Lobbyisten ihre Hausaufgaben längst gemacht. Auf ihren Wunschzetteln stehen Todeswarnungen auf Rückenetiketten, massive Verbrauchssteuern, Werbeverbote und der Ausschluss des Weins aus dem öffentlichen Raum. Keine Gläser mehr in Straßencafés, keine Flaschen mehr auf Terrassen. Das Ganze firmiert unter „Denormalisierung“ – ein schönes Wort für eine globale Prohibition im 21. Jahrhundert.
Die AIV fordert nun, was eigentlich selbstverständlich sein sollte: keine Gesetzgebung ohne solide Datenbasis. Wer den Wein per Resolution in die Ecke stellen will, soll zuvor unabhängige, randomisierte Langzeitstudien auflegen – so wie es bei Medikamenten der Standard ist. Alles andere ist politischer Aktivismus mit fragwürdigem wissenschaftlichem Fundament.
Doch genau hier liegt der Punkt, den wir bei WINEPARTY betonen: Es spielt keine Rolle mehr. Fakten haben ihre Geltung verloren. Selbst wenn Laura Catena, Ärztin und Winzerstochter, akribisch alle wissenschaftlichen Ergebnisse zusammenträgt, selbst wenn jeder seriöse Forscher darauf hinweist, dass maßvoller Weingenuss ab einem bestimmten Alter gesundheitlich eher vorteilhaft sein kann – die Schlagzeile „no safe level“ hat längst gewonnen.
Darum unser Rat: Kommen lassen. Die Resolution wird passieren oder auch nicht, die Schlagzeilen werden wiederkehren, und die Debatte wird sich weiter im Kreis drehen. Entscheidend ist nicht, was in New York im Sitzungssaal verhandelt wird, sondern was an den Tischen dieser Welt passiert. Dort wird Wein weiterhin das Kulturgetränk bleiben, das in Maßen genossen wird und Menschen verbindet – weniger denn je und kulturell umstritten. Aber da!
Vielleicht ist genau das der Grund, warum man ihn so gerne zum Feindbild erhebt: weil er Genuss bedeutet, Differenzierung verlangt, Gemeinschaft stiftet. All das, was einer Politik der simplen Schlagzeilen im Weg steht. Und so bleibt ein schaler Nachgeschmack: Achtzig Jahre nach ihrer Gründung beschäftigt sich die UNO nicht alleine mehr mit den Ursachen von Hunger, Krieg und Armut, sondern mit der Frage, ob ein Glas Rosé auf einer Straßenterrasse die Weltgesundheit gefährdet.
Und das ist nurmehr gaga.

