(Manfred Klimek / WELT am SONNTAG / Foto: Klimek / animated pic: runwayml)
Roland Velich spricht über Wein, als ginge es um Geopolitik. Das irritiert. Aber Velich, 63 Jahre alt und Winzer in Großhöflein, einer Gemeinde gleich südlich von Eisenstadt, der Hauptstadt des österreichischen Burgenlandes – und durch die prächtigen Blaufränkischen seines Weinguts Moric in der Weinwelt tatsächlich weltbekannt – ist keiner, der sich beim Denken über Wein und Weinbau mit nationalen Grenzen oder Herkunftsbezeichnungen zufriedengibt. Für ihn beginnt die eigentliche Arbeit bei der Frage, was Herkunft überhaupt bedeutet und ob sie mit heutigen Staatsgrenzen noch vereinbar ist. „Unser historischer Kontext ist nicht Österreich, sondern Ungarn“, sagt Velich. Da spricht er Richtiges aus, macht sich damit in der Alpenrepublik allerdings nicht unbedingt beliebt.
Das Burgenland, aus dem Velich stammt, ist ein junges Gebilde: erst seit 1921 Teil Österreichs, davor jahrhundertelang Westungarn. Eine Region ohne gewachsene Identität unter ihrem heutigen Namen. Ein Raum, der stets neu von sich erzählen muss. Velich tut genau das. Und er tut es mit freundlicher Radikalität und einer leisen Stimme, die Ruhe im Raum verlangt.
Sein Begriff für dieses Weinbaugebiet lautet Pannonien. Eine Großregion, die sich über Grenzen hinwegzieht: vom Burgenland über Ungarn bis in Teile der Slowakei und Sloweniens. Verbunden nicht durch nationale Politik heute sehr unterschiedlicher Länder, sondern durch Klima, Geologie und Kulturgeschichte. „Wenn du in den Hängen von Tokaj stehst oder am Leithagebirge oder am Spitzerberg in der Region Carnuntum“, sagt Velich, „dann spürst du: Das ist dieselbe Landschaft.“
Das ist mehr als eine poetische Behauptung. Es ist ein Arbeitsprogramm. Denn aus dieser Denkweise heraus entstehen Velichs Projekte in Ungarn – allen voran „Hidden Treasures“. Ein bewusst englisch gesetzter Name für einen komplexen Ansatz. Gemeinsam mit ungarischen Winzern in Tokaj, Somló und am Balaton versucht Velich, das freizulegen, was er als Kern von Herkunft versteht: Rebsorte, Boden, Klima – ohne stilistische Überbordung. Die Methode ist ebenso einfach wie immer noch radikal: präzise Arbeit im Weinberg, minimale Eingriffe im Keller, Spontangärung, wenig Schwefel. „Wir wollen verstehen, was da ist. Und das geht nur, wenn man es zulässt.“
Hidden Treasures ist kein Projekt wie Projektleiter Projekte verstehen. Es ist ein Prozess. Velich bringt Erfahrung und ein klares Sensorium für Herkunft ein, die Partner vor Ort ihre Lagenkenntnis. Dass sich daraus neue Stilistiken entwickeln, ist Teil der Idee. Im Zentrum steht dabei Furmint – für Velich eine der großen europäischen Rebsorten. Zusammen mit Blaufränkisch bildet sie für ihn das Fundament einer pannonischen Identität: zwei Sorten, die Herkunft nicht bloß illustrieren, sondern seit gefühlten Ewigkeiten in sich tragen.
Velichs Denken richtet sich gegen eine Weinwelt, die sich über Jahrzehnte an regionsfernen Vorbildern orientiert hat: Bordeaux, Burgund, internationale Stilnormen. „Wir haben hundert Jahre lang kopiert“, sagt er: „Oft gut, manchmal sehr gut – aber selten eigenständig.“ Der Preis: ein Verlust an Selbstverständnis. Velich versucht, diesen Prozess umzukehren. Nicht durch neue Moden oder mithilfe neuer Medien, sondern durch Rückgriff auf das, was längst da ist – die Präzision beim Keltern.
Dass dieser Zugang zum Weinbau Wirkung zeigt, ist vor allem bei jüngeren Winzern sichtbar. Eine Generation, die weniger nach populärer Anerkennung sucht als nach Substanz. „Das größte Kompliment ist, wenn sie das aufnehmen“, sagt Velich. „Dann weißt du, dass es weitergeht.“
Am Ende, so Velich, ist seine Arbeit ein Versuch, eine große mitteleuropäische Region wieder lesbar zu machen. Nicht als Narrativ im marketingüblichen Sinn, sondern als kulturellen Raum. Das ist für manche, nicht nur im Weinbau, übergriffig. Aber sich Freunde zu machen war nie Velichs Anliegen. Und das ist, tatsächlich, sehr unösterreichisch.

