(Claude Auguste, Foto: Vinea Wachau)
Ich erinnere mich noch genau an meine ersten Knoll-Weine. Es war in den 1990er-Jahren, ich war jung, wissbegierig, ein Südtiroler in Wien, der „Jus“ studierte und vielleicht ein wenig zu ehrgeizig was mein junges Weinwissen betraf. Damals, als österreichischer Wein noch um seine internationale Reputation rang, stand plötzlich diese Flasche auf dem Tisch im Beisl, ein Knoll-Riesling, Lagfe Schütt, Smaragd, Jahrgang 1989. Ich weiß noch, wie ich den ersten Schluck nahm – und sofort begriff, dass hier etwas anderes im Glas war. Nicht modisch, sondern Moderne – sondern von einer Ruhe, die man in der Jugend meist nicht versteht. Es war, als würde der Wein sagen: „Du kannst dich beeilen, wie du willst. Ich bin da und bleibe da. Für viele Jahre.“
Seitdem bin ich verloren – oder besser gesagt: gefunden. Knoll war für mich immer ein Anker. Es gibt diese Weingüter, die du einmal kennenlernst und nie wieder vergisst, weil sie das eigene Geschmacksleben von nun an prägen. J.J. Prüm an der Mosel gehört dazu. Knoll in der Wachau ebenso. Beide haben diese unverwechselbare Handschrift: Präzision, Strenge, und gleichzeitig einen verführerische Trinkspaßfaktor, der mich jedes Mal neu überrascht.
Das Etikett – der heilige Urban – hat mich damals fast abgeschreckt. In einer Zeit, in der jeder hippe Winzer versuchte, grafisch modern zu wirken, stand Knoll mit einem barocken Heiligenbild für einen vielleicht überreligiösen Hintergrund. Quatsch! Heute liebe ich Knoll gerade dafür. Nun gut, im meinem Alter bekomme konservative Werte mehr Beachtung.
Natürlich weiß ich inzwischen auch die Fakten: rund 15 Hektar, je zur Hälfte Grüner Veltliner und Riesling, dazu ein bisschen Muskateller, Traminer, Chardonnay und sogar Blauburgunder. Handarbeit in den Terrassen, Ausbau im großen Holz und im Stahltank, keine Barriques, späte Abfüllung. Alles so, wie es sein soll, wenn man Substanz vor Mode setzt. Aber Fakten erklären nicht, warum ich mich in diese Weine verliebt habe. Es war dieses Gefühl: ein Glas Knoll ist wie eine Verabredung mit der Ewigkeit – die Ewigkeit, die man noch zu Lebzeiten kennen lernen kann.
Die Lagen sind klingende Namen: Schütt – vielleicht die präziseste und strahlendste von allen. Kellerberg – aristokratisch und tief. Pfaffenberg – kühl und strahlend. Kreutles – immer ein Garant für Veltliner mit Saft und Nachdruck. Trum – klein, würzig, weithin unbekannt. Ich habe sie alle getrunken, oft in verschiedenen Jahrgängen, und sie sind wie Kapitel eines einzigen Buches. Ich erkannte: Hier wird Terroir nicht behauptet, sondern absolut gelebt. Und am dramatischsten erkenne ich dieses Terroir in den Vinotheks-Füllungen, die Essenz der besten Trauben des Jahres, die nicht jedes Jahr auf den Markt kommt.
Und dann das Thema Federspiel. Ich habe nie verstanden, warum diese Kategorie aus der Käuferlust geraten konnte. Knoll-Federspiele – vor allem die Grünen Veltliner – gehören für mich zu den bestgehüteten Geheimnissen der Wachau. Mit zehn, fünfzehn, manchmal zwanzig Jahren entwickeln sie eine Tiefe, die man für unmöglich hält. Ich habe mehr als einmal erlebt, dass ein alter Federspiel am Tisch die vermeintlich großen Smaragde deklassiert hat. Diese leise Größe begeistert mich bis heute.
Zweihundert Jahre Knoll – das bedeutet auch zweihundert Jahre Beharrlichkeit. Emmerich Knoll senior, den ich mal persönlich treffen durft, hat diesen Stil geprägt: groß, stets mit dem Quentchen Wucht, präzise, aber nie überladen. Emmerich junior führt das fort – mit leichter Hand, ohne Brüche, aber auch ohne Stillstand. Es ist diese Treue zum eigenen Weg, die mich überzeugt.
Ich gestehe: Ich brauche keine neuen Etiketten, keine Barrique-Experimente, keine modischen Naturwein-Gesten, wenn ich Knoll im Keller habe. Für mich ist das erschwinglicher, konservativer Luxus, ein Kulturgut in Flaschen. Und wenn ich heute auf bald vier Jahrzehnte Weinleben zurückblicke, dann gibt es nur wenige Adressen, die mich so verlässlich begleitet haben.
Und ja: Wer einmal in Unterloiben ist, sollte nicht nur die Flaschen probieren, sondern ins Gasthaus der Verwandten einkehren. Marillenknödel im Garten, ein Glas Federspiel dazu – das ist mehr Österreich, als jede Festrede je ausdrücken könnte.
Knoll ist nicht alleine 200 Jahre alt. Knoll ist zeitlos. Und ich bin froh, dass ich schon früh in diese Zeitlosigkeit hineingeraten bin.

