(Manfred Klimek)
Bevor der Zug im badischen Freiburg ankommt, muss ich meine Kolumne von vor vierzehn Tagen mit ein paar Weinen der in der Kolumne besprochenen Domäne Wachau komplettieren. Obwohl die Domäne mehr Sorten ganz famos keltert – darunter auch sehr seltene Weißweintrauben wie Neuburger oder Roter Veltliner – , bleibe ich bei der bekanntesten österreichischen Rebsorte: dem Grünen Veltliner. Der Veltliner Federspiel Ried Kollmütz 2024 in der Magnumflasche (1,5 Liter, € 25,00) ist für mich der beste Partywein mit Lagencharakter dieses Sommers: frisch, würzig, Biss, Anspruch – eine easy-going eierlegende Wollmilchsau. Für € 28,00 ist der Veltliner Smaragd 2024 aus der Ried Axpoint eine sichere Bank für einen nicht zu pfeffrig-würzigen, sonder auch elegant-burgundischen Veltliner – der dann im Glas mit etwas Luft sein Veltlinerleben alle Stücke spielen lässt. Die Smaragdveltiner aus den weinweltbekannten Top-Rieden Achleiten und Kellerberg (beide € 46,00) sind präzise, auf eindrucksvollen Schluck gekelterte, großen Handwerksveltliner: ohne Chichi, modischer Intervention und mit viel Wumms, die mehr Aufmerksamkeit bekommen sollten. Vor allem, weil wir sie Jahre im Keller reifen lassen können.
Mit diesem Eindrücken am Gaumen verlasse ich Österreich Richtung Westen. Die Donau verschwindet, die Landschaft wird enger, öffnet sich nach Tirol, die Berge treten zurück. Irgendwann tauchen am Zugfenster Basel, der Rhein und die Vogesen auf – und der Schwarzwald. Ich erreiche das Markgräflerland, jenes total südwestliche Stück Deutschland an der Grenze zu Frankreich und der Schweiz, das deutschen Weinkonsumenten erstaunlich wenig bekannt ist. Dabei ist das Markgräflerland ein Wirtshaus- und Weintrinkerparadies par excellence, dessen unbeschwerte Lebenslust der hier ansässigen Bewohner ein völlig anderes Bild der oft als Spaßbremsen verschrienen Deutschen abgibt. Hier lässt es sich gut und wohlfeil leben.
Zum Verständnis des Markgräflerlands gehört eine Rebsorte, die wir bis heute meist Gutedel nennen. Genau darin liegt allerdings das einzige Probleme der Sorte und seiner Vermarktung, denn Gutedel klingt nach Pauschalreise, Vereinsausflug und jener deutschen Weinkultur, die seit Jahrzehnten mühsam überwunden wird. International heißt die Sorte Chasselas. Und sie ist eine der gegenwärtig interessantesten weißen Rebsorten Europas.
Chasselas ist eigentlich die große weiße Rebsorte der französischsprachigen Schweiz. Deshalb gilt sie in der Schweiz als eine der besten Terroir-Sorten des Kontinents. Und dennoch: deutsche Chasselas sind teils deutlich besser als jene der Schweiz. Auch darüber werden sich die Winzer des Markgräflerland zunehmend bewusst.
Aromatisch verweigert sich Chasselas jeder Form von Effekthascherei: keine exotischen Fruchtkörbe, keine aufdringliche Primärfrucht. Stattdessen Birne, weiße Blüten, rosa Grapefruit, gering Mandarine, manchmal Lindenblüte, manchmal Akazie. Mit zunehmender Reife treten jene feinen Noten von Haselnuss und auch Walnuss auf, die große Chasselas zu großen Weißweinen machen.
Gerade diese kontrollierte Neutralität des Chasselas macht die Sorte so wertvoll. Selbst bei konzentrierterem Ausbau behält der Wein eine bemerkenswerte Gelassenheit. Er drängt sich nicht vor das Essen, sondern begleitet es: Fisch aller Art, Austern, Muscheln, asiatische Gerichte, Kräuterküche, Ziegenkäse oder helles Fleisch profitieren von genau dieser Eigenschaft – Chasselas verstärkt Aromen, statt sie zu überdecken.
Hinzu kommt etwas, das im Weinbau der kommenden Jahrzehnte noch wichtiger werden dürfte: breites Gefallen, noble Textur und Trinkfluss bei wenig Alkohol. Während andere Regionen derzeit fieberhaft nach Antworten auf den Wunsch vieler Konsumenten nach leichteren Weinen suchen, bringt Chasselas diese Eigenschaften seit Jahrhunderten mit. Davon und vom Markgräflerland werde ich nun einige Folgen lang berichten.

