(Manfred Klimek, WELT am SONNTAG, Foto: Moueix)
Es wirkt wie eine Provokation, und ist auch eine: Château Lafleur, ein kleines und weltbekanntes Weingut der ebenso kleinen und weltbekannten Region Pomerol – dort, wo ein paar der prominentesten Weingüter der Welt residieren – verlässt die prestigeträchtige Gegend weinrechtlich. Die Dürre 2025 hat eine schon fast grausame Wirklichkeit offenbart: Der alte Stolz des Dry-Farming, das Weinmachen ohne Bewässerung, stößt an seine Grenzen. Was jahrzehntelang ein Qualitätssiegel war, droht zum Qualitätsrisiko zu werden.
Dass gerade Lafleur – dieser Mythos aus Pomerol, klein, rar, kostbar – den Schritt wagt und seine Weine künftig als „Vin de France“ etikettiert, ist mehr als ein Verwaltungsakt – es ist ein Menetekel. Die Bürokratie der Appellation, einst Garant für Prestige, ist heute der Hemmschuh einer gedeihlichen Entwicklung.
Christian Moueix, einer der prägenden Figuren des Bordeaux – Besitzer etwa von La Fleur-Pétrus oder Trotanoy, Visionär und über Jahrzehnte einer der konsequentesten Verfechter des Dry-Farming –, spricht von einem Wendepunkt: „Die lange Dürreperiode im Sommer 2025 zwingt die Erzeuger, die Regeln ihrer Appellationen zu überdenken. Bewässerung war lange verboten, um Missbrauch zu verhindern. Aber wir müssen die Realität akzeptieren: Der Klimawandel bedroht das Überleben unserer Weinberge und die Qualität unserer Jahrgänge. Nach 55 Jahrgängen muss ich meine Position überdenken.“
Wenn selbst Moueix, der das trockene Weinmachen im Bordelais zur Tugend erhoben hatte, seine Linie aufgibt, dann zeigt das: Der Klimawandel ist kein zukünftiges Szenario mehr. Er ist da. Und er sorgt für Gewissheiten.
Olivier Tregoat, Technischer Direktor bei den Domaines Barons de Rothschild (Lafite) und einer der analytischsten Köpfe im Weinbau, geht noch weiter. Er beschreibt den Bruch zwischen den Generationen und kritisiert, dass die Beamten der Bürokratie meist sehr alte Männer sind, die schon aus traditionellem Denken Züge zu spät abfahren lassen.
Diese Blockade lähmt den gesamten Apparat. Währenddessen trocknen die Reben aus. Tregoat erklärt die Dramatik der Böden: „Die Schotterböden in Pomerol, die weniger Wasser speichern als die Lehmböden hier, brauchen Ende Juni und Juli Regen. Sonst haben wir ein Problem. In L’Évangile haben wir um Erlaubnis zur Bewässerung gebeten. Die kam auch – aber erst im August, kurz vor der Lese. Da war es zu spät.“
Noch gravierender ist die Sortenfrage. Merlot, die große Seele des Pomerol, gerät ins Wanken. Tregoat: „Selbst mit den besten Methoden, Beschattung, neuer Genetik, weiß ich nicht, ob wir in 30 Jahren noch Top-Merlot in Pomerol produzieren können.“ Ein Satz, der noch vor zehn Jahren als Blasphemie gegolten hätte. Heute klingt er wie nüchterne Prognose.
Die Geschwindigkeit ist das Problem. „Global Warming schreitet schneller voran als unsere Kapazität, uns anzupassen“, sagt Tregoat. „Wir brauchen zehn bis fünfzehn Jahre, um neue Klone und Sorten zu etablieren. Aber wir müssen heute entscheiden.“ Bei L’Évangile wird zukünftig mehr Cabernet Sauvignon gepflanzt – auch das Teil einer Zeitenwende.
Was heißt das für das Bordelais? Lafleur setzt ein Zeichen, das über den Einzelfall hinausgeht: Wer am Dogma des Dry-Farming festhält, riskiert seine Weine. Wer auf der Bürokratie der Appellation beharrt, verspielt seine Zukunft.
Die romantische Vorstellung, große Weine entstünden nur aus Entbehrung der Pflanze, ist im Sommer 2025 implodiert. Spitzenwein braucht nicht nur Terroir, sondern auch Wasser. Nicht Bewässerung als Industrieinstrument, sondern Bewässerung als Lebensversicherung.
Dass ausgerechnet ein Château wie Lafleur jetzt Vin de France schreibt, zeigt: Die Wirklichkeit der Böden und der Reben ist härter als jede bürokratische, vor Jahrzehnten geborene Vorschrift.
Thomas Duclos, führender Önologe beim weit über das Bordelais hinaus bekannten Labor Œnoteam, schildert hinter den Kulissen, wie tief die Krise geht und wie stark die Notwendigkeit zur Aktion ist. Über die lähmende Bürokratie sagt er: „Jeder arbeitet in seiner Ecke und dringliche Angelegenheiten werden nicht zusammengeführt. Es muss einen politischen Willen zum Nachdenken geben, der aber erst entstehen muss. Doch hier stößt das zentralisierte System an seine Grenzen.” Duclos warnt, dass zu viel Versäumtes nicht einfach nachzuholen sei.
Zur langfristigen Zukunft – insbesondere zum früh reifenden Merlot – formuliert Duclos eine weitere düstere Vision: „Wenn wir nicht nachdenken, wenn wir nicht das Ausmaß erkennen, wird es nicht mehr das Pomerol geben, das wir heute kennen, das wir lieben und das stark identitätsstiftend ist. Wir sind weit davon entfernt, alle Instrumente zur Erhaltung großer Merlot-Weine in Pomerol erforscht zu haben.“ Seine Schlussfolgerung ist klar: Es braucht mehr Mut, mehr Innovation und ein Kollektiv statt bloß lokal isolierter Entscheidungen.
Fiona Morrison, Master of Wine und im Bordelais lebende Journalistin und Autorin, gibt dem Konflikt zwischen Tradition und Anpassung eine Stimme der Pragmatik: „Der Schlüssel liegt hier darin, das Thema Bewässerung anzugehen. Doch wir werden niemals alle auf einen Nenner bringen können, da die Unterschiede in Bezug auf Ruf, Preis und Terroir zu groß sind. Aber jeder Produzent, der über tiefen Kies und Sand verfügt (und keine Lehmböden hat wie etwa Petrus) sollte sich unter den aktuellen klimatischen Bedingungen Gedanken über die Gesundheit seiner Reben machen.“
Auf die Frage nach den Behörden zieht Morrison eine differenzierte Bilanz: „Ich glaube nicht, dass die Weinbaubehörden untätig geblieben sind. Das Thema Bewässerung wird seit mindestens einem Jahrzehnt heiß diskutiert. Dabei geht es nicht um die Kontrolle der Erträge, sondern um den Zugang zu verfügbarem Wasser durch das Graben von Brunnen oder die Nutzung von Stauseen. Das ist hier das zentrale Thema.“
Über die langfristigen Folgen des Klimawandels auf den Merlot sagt Morrison: „Natürlich müssen wir unseren Merlot erhalten. Ich muss zugeben, dass ich überrascht bin, wie gut er die jüngsten Klimaveränderungen überstanden hat. Das liegt vor allem aber daran, dass die meisten Spitzenproduzenten sehr hart gearbeitet und viel mehr Zeit in ihren Weinbergen verbracht haben als noch vor einem Jahrzent. Wir müssen den Reben jedoch helfen, den anhaltenden Herausforderungen standzuhalten. Und alles, was wir tun können, um sie gesünder und stärker zu machen, ist im Interesse der gesamten Weinwelt.“
Morrison betont auch, dass alternative Rebsorten diskutiert werden: „Aber ich glaube, dass fast jeder Winzer und Weinproduzent im Pomerol der Meinung ist, dass die Rebsorte ein wesentlicher Bestandteil des Terroirs und des Charakters unserer einzelnen Weingüter ist – und zumindest derzeit lieber eine Lösung mit seinen einheimischen Rebsorten finden möchte.“

