(Redaktion)
Es gibt bescheuerte, aber lehrreiche Experimente. Ganz oben in dieser Disziplin: Rotweine aus Sektgläsern trinken. Wir haben das getan, denn am Anfang stand der Spruch: Große Weine erklären sich aus jedem Glas von selbst. Auch im Sektglas, das maximal falsche Glas – schlank, spitz, gebaut für Perlen, nicht für Tannin. Ein Affront gegen alles, was Glas-Gurus, Riedel-Päpste und Sommelier-Schulen predigen. Und genau deshalb so herrlich danaeben. Und, dan doch, auch Ergebnisse zeitigend.
Denn siehe da: Ausgerechnet die Billigweine aus dem Supermarkt profitieren. Sie wirken dichter, konzentrierter, geradezu seriös. In der Nase plötzlich mehrschichtig, fast poetisch. Cassis, Kirsche, Feuerstein – alles nach vorne geprügelt. Wer sonst über „Primärfrucht“ gelächelt hätte, ist baff. Im richtigen Glas waren das dünne, brave Tropfen. Im Sektglas spielen sie ganz kurz nur in einer anderen Liga.
Die Großen dagegen – die Klassiker, die Gereiften, die Weinbibliotheken – gehen kläglich unter. Bordeaux? Burgund? Alles, was Eleganz, Balance, leise Zwischentöne braucht, wird vom Sektglas gnadenlos zermatscht. Aus Finesse wird Fruchtsuppe, aus Komplexität Konzentrat. Es ist, als würde man Maria Callas in eine Telefonzelle sperren und sagen: „Sing!“
Fünf Flaschen, fünf kleine Wahrheiten:
- Cepa Lebrel 2020, Rioja, Lidl – Cassis wie aus dem Chemiebaukasten, Kirsche, dazu ein Funken Feuerstein. Im Sektglas wirkt der Wein größer, dicker, lauter. Im Riedel-Tempranillo-Glas war er nur ein braver, wenig überraschender. Hier plötzlich: Kraftprotz. Aber ohne einen Hauch Eleganz.
- Corte alla Mura 2020, Chianti Riserva, Lidl – eine Ausnahme. Im Glas Nuss, Kräuter, Minze, Rauch. Im Mund erstaunlich elegant, fast charmant. Im Chianti-Glas bleibt davon nicht alles, aber erstaunlich viel. Hier darf das Sektglas bleiben – eine seltsame Versöhnung.
- Chapoutier St. Joseph „Les Clos“ 2020, Rhône – Maulbeere, Cassis, Salz. Alles in Großbuchstaben. Im Mund wie ein Stein, den die Zunge erst drehen muss, bis er überhaupt Wein sein will. Im Ballon-Glas groß. Im Sektglas ein Schlag in die Magengrube.
- Chasse-Spleen 2005, Bordeaux – was für ein Jahrgang, was für eine Enttäuschung. Karaffiert, gehofft, probiert: Nichts. Im Sektglas bleibt der Wein einfältig, fader als man je vermuten würde. Blaubeere, Schokolade, Cassis – drei Töne, stumpf wiederholt. Kein Bordeaux, eher Soundtrack einer Kinderserie.
- Bordeaux Supérieur 2023, Lidl – und wieder die Pointe: Billig gewinnt. Cassis, leichte Dunst- und Ledernote, kleine Kräuter, alles plötzlich groß und voll da. Im Bordeaux-Glas war das Studentenspritze. Im Sektglas ist es beinahe nobel.
Das Fazit? Gläser sind keine Accessoires, sie sind Folterinstrumente. Das falsche Glas killt nicht nur Weine, sondern auch jahrzehntelange Kellerarbeit. Es macht Lidl zu Lafite und Lafite zu Lidl. Übertrieben? Vielleicht.
Das Sektglas entlarvt – Ünnötiges. Es zeigt, dass die großen Namen ihre Aura verlieren können, wenn man sie in ein falsches Setting presst. Und dass die Kleinen plötzlich groß tun, wenn sie aus dem falschen Gebinde inszeniert werden.
Also ja: Das Experiment war bescheuert. Denn niemand trinkt Rotweine aus dem Sektglas. Aber es war ein Schlag in unser Gesicht hier, das glaubte, große Weine erklären sich in jedem Glas irgendwie von selbs – mitnichten. Und so lernten wir erneut: die wirkliche Wirklichkeit des Weins entsteht zuletzt nicht am Weinberg, sondern im richtigen Glas.

