von Manfred Klimek
Vor zehn Jahren waren Jungwinzer die Posterboys einer neuen Weinwelt: Gläser in der Hand, Dreck unter den Fingernägeln, biodynamisch, unfrisiert, international. Sie galten als Beweis, dass Wein jung, klug und kompromisslos sein kann – kein Traditionsballast, sondern Neuanfang. Heute, nach nun fast lächerlich wirkenden zehn Jahren, sehen sich viele von ihnen in einer ganz anderen Rolle: Als Produzenten in einem schrumpfenden Markt. Als Unternehmer, die auf Messen weniger Gespräche führen. Als Gastgeber, die merken, wie leise die Abende geworden sind.
Die Cordobar in Berlin-Mitte war das Epizentrum dieses neuen Weinbooms: laut, wild, voller Gläser, voller Ideen – und voll Sex. Dort wurde Wein nicht erklärt, sondern proklamiert. Wir tranken, was wir nicht kannten, und freute uns, wenn es aus dem Glas nach Oxydation stank. Und alle wollten dazugehören – Gastronomen, Sommeliers, Grafiker, DJs. Um 2015 herum war Wein plötzlich so hip wie vorher Gin. Aber handwerklich echter und komplizierter.
Heute ist die Lage anders. Wer heute eine Weinbar aufmacht, ist entweder Spinner – oder hat einen sehr guten, ökonomisch aber schwer erklärbaren Grund.
Denn der Markt hat sich verschoben. Die Generation, die gestern noch auf Orangenwein schwor, bestellt heute Wasser mit Charakter. Der Sound ist leiser geworden, die Gläser kleiner, die Augen und die Kehle vorsichtiger. Der Wein ist aus der Mitte gerutscht – nicht in die Nische, aber aus der Selbstverständlichkeit.
Die Zahlen sprechen eine nüchterne Sprache: In den kommenden zehn Jahren könnte sich – im Worst Case – der Absatz von Wein um bis zu ein Drittel reduzieren. Nicht, weil die Qualität gesunken wäre. Sondern, weil sich die Welt verändert hat. Und Wein steht unter einem besonderen kulturellem Druck. Wie zuletzt nur in den 1920ern unter der US-Prohibition.
Zum einen durch eine Abstinenzbewegung, die längst nicht mehr marginal ist, sondern mitten in der Gesellschaft angekommen. Dry January ist keine Spielerei mehr, sondern Lifestyle. Kein Alkohol – das gilt als modern, gesund, moralisch überlegen. Gleichzeitig wächst in Deutschland und Österreich eine junge Generation muslimischer Konsumenten heran, für die Alkohol per se kein Teil des Alltags ist – nicht aus Überzeugung, sondern aus Gewohnheit.
Die Folgen sind real: weniger Flaschen, weniger Gläser, weniger Impulse. Und die Versuchung, zu kapitulieren. Was anderes zu machen. Nebenbei. Oder ganz.
Aber sie wäre falsch.
Denn die Gegenwart des Weins ist nicht das Ende seiner Geschichte. Im Gegenteil: Sie ist die Rückkehr zu einem Punkt, den der Markt lange überdeckt hat – zur Frage nach Relevanz.
Was also spricht gegen die Resignation?
Erstens: Dass gerade jene Winzer, die ökologisch, handwerklich und charakterstark arbeiten, jetzt einen Startvorteil haben. Ihre Weine müssen nicht auf Masse setzen. Sie können erneut und massiver als je Qualität gegen Quantität stellen – und damit schwächere, überteuerte Konkurrenz aus dem Markt drängen.
Zweitens: Dass sich der Markt – wie schon in den 1980ern und davor – erneut in beide Extreme aufspalten wird: in industrielle Markenweine auf der einen Seite und klar definierte, individuell gekelterte Herkunftsweine auf der anderen. Die Mitte? Ja: die wird schrumpfen. Aber am Rand wird Raum frei – für echte Handschrift, für Authentizität.
Drittens: Dass Wein immer mehr ist als ein Getränk. Er ist ein Kulturgut, ein Symbol von Kontext, ein Träger von Geschichte. Und genau deshalb braucht er eine neue Trinkelite – so unzeitgemäß das klingt. Junge Menschen, die Wein nicht nur trinken, sondern verstehen. Die ihn nicht mit Ethik überladen, aber mit Bedeutung füllen. Es braucht jetzt mehr noch Weinbotschafterinnen und Weinbotschafter – Menschen in Gastronomie, Medien, Kultur, die zeigen, dass Wein nicht in Prozenten gemessen wird, sondern in Beziehungen, Begegnungen, Bedeutung.
Und: Es braucht Winzer, die bereit sind, diese Rolle zu verteilen. Die ihre besten Flaschen nicht an die Leisesten verkaufen, sondern auch an jene, die erzählen können, was drin ist – und warum es zwingend in Erinnerung bleibt.
Die Zukunft des Weins ist nicht garantiert. Aber wenn sie eine neue Ära einläutet, dann eine, in der Wein wieder erklärt wird – nicht mit Pathos, sondern mit Haltung.
Und wie sieht eine Weinbar 2030 aus?
Weniger Flaschen, mehr Fokus. Kein Regal mit 400 Positionen, sondern vielleicht 25 – aber jede mit Geschichte. Keine Weinkarten auf Tablets, sondern ein Mensch, der zuhört und empfiehlt. Kein Flight um 2 cl, sondern ein Glas, das automatisch stets gefüllt ist – ohne Erklärung.
Die Gäste? Heterogen. Muslimische Freunde, die mittrinken – Traube, aber ohne Alkohol. Weinleute, die nicht missionieren, sondern zeigen. Keine Lautstärke, keine Performance – aber Präsenz.
Wein 2030 ist nicht weniger. Nur weniger laut. Weniger beliebig. Und dadurch: mehr.

