(Claude Auguste / animated pic: runwayml)
Als Piero Antinori (mehr noch sein Bruder Ludwig) und der noch weitgehend unbekannte Önologe Giacomo Tachis Anfang der 1970er-Jahre beschlossen, die starren Regeln des Chianti zu ignorieren, war das mehr als eine technisch-philosophische Entscheidung. Damals verlangte das Regelwerk noch weiße Trauben im Chianti. Antinori verzichtete darauf, setzte kompromisslos auf Sangiovese, ergänzte Cabernet Sauvignon und später Cabernet Franc und ließ den Wein in kleinen Barriques reifen. Das Ergebnis war eine Kreszenz, die ihren DOC-Status verlor und nur noch als einfacher Tafelwein verkauft werden durfte. Ausgerechnet dieser vermeintliche Abstieg wurde zum Beginn einer Revolution. Die Super Tuscans waren geboren. Und mit ihnen die kurz darauf beginnende Revolution der Bolgheri-Boys, die die ganze Weinwelt neu formte.
Heute, ein halbes Jahrhundert später, wirkt vieles geradezu selbstverständlich, was früher umkämpft war: Cabernet in der Toskana erschüttert niemanden mehr, Barriques gehören (nun seltener) zum Handwerkszeug, die italienische Weinwelt hat sich neu erfunden. Geblieben ist der Disruptor Tignanello: er gehört inzwischen zu den großen Ikonen europäischer Rotweine und zählt zugleich zu den wenigen Kultweinen, die für engagierte Weintrinker preislich noch erreichbar geblieben sind. Die Preise sind hoch, aber sie bewegen sich noch in einer Welt, in der man eine Flasche tatsächlich öffnen und trinken möchte. Genau darin unterscheidet sich Tignanello von vielen anderen Legenden, die längst den Weg in Tresore und Auktionshäuser gefunden haben – ein Weg in den Irrtum.
Ich habe vier Jahrgänge wiedergetrunken: 1990 aus der Magnum, dazu 1998, 2001 und 2009. Vier Weine aus fast zwanzig Jahren. Vier Momentaufnahmen dieser oft verlachten und umstrittenen Ikone.
1990 gilt in der Toskana als warmer, sehr ausgewogener Jahrgang. Ein trockener Sommer und eine gleichmäßige Reife brachten konzentrierte, langlebige Weine hervor, die bis heute bemerkenswerte Frische bewahrt haben. Der Wein selbst ist nach jahrelanger, unbewegter Lagerung in einem stabilen Keller (das gilt für alle Weine hier) unglaublich jung: Tomate, viel Cassis, Kirsche, Hagebutte, feuchter Tabak, eine wenig Minze und Wiesenkräuter und ein irrer Genuss im Schluck. Einer der besten Rotweine seit langer, langer Zeit. Der 1990er in der Magnumflasche kostete übrigens 1995 bei Morandell in Tirol 840 Schillinge: also etwa 65 Euro.
1998 stand lange im Schatten des legendären 1997. Zu Unrecht. Ein milder Frühling, ein warmer Sommer und ideale Bedingungen während der Reife führten zu Weinen mit Ruhe, Balance und bemerkenswerter Eleganz. Gerade Tignanello profitierte davon erheblich – auch weil die Kellerleute damals ein total eingespieltes, gelassen und angemessen kelterndes Team waren – viele sagen, das beste Team ever vor Ort. Hier zu Beginn in der Nase viel rote Erde, Herzkirsche, ein kurzer Eisenhauch, dann Kräuter, danach erst, auch im Schluck, die üblichen Parameter: gemessene Frucht und Druck. Sollte aber in den nächsten fünf Jahren ausgetunken werden.
2001 gehört ohnehin zu den großen klassischen Jahrgängen der Toskana. Ein nahezu ideales Vegetationsjahr brachte Weine hervor, die bis heute zu den langlebigsten ihrer Generation zählen. Struktur, Frische und Reifepotenzial fanden nahezu ideal zusammen – und das merke ich an/in dieser Flasche: enorm jung mit einem Potential von sicher noch 20 Jahren. Und frisch in Nase und Schluck. Ich hätte ihn für einen Bordeaux aus den 2010er-Jahren gehalten.
2009 verlief deutlich wärmer. Die Vegetationsperiode brachte viel Sonne und hohe Temperaturen, gleichzeitig verhinderten ein paar kühlere Nächte den Verlust der Frische. Viele Weine zeigen bis heute eine reife Frucht und eine zugängliche Textur. Doch der 2009er war der schwächste Tignanello der Serie (und nicht wie erwartet der 1998er): ein Ppur laktisch, eine Spur tomatiger Überfrucht (kaum Kirsche), eine Spur Langeweile. Im Nachhall beim Ausatmen großartig – aber leider nur dort.
Doch bemerkenswert bleibt etwas anderes: Tignanello altert anders, als viele große Rotweine altern. Er verschwindet nicht langsam hinter Leder, Unterholz und tertiären Aromen. Die Sangiovese-Frucht bleibt gut erkennbar. Sie verändert ihre Gestalt, verliert ihre Jugend, aber nie die Kirsche und die Hagebutte. Gleichzeitig verschmelzen die Cabernet-Anteile immer stärker mit dem Wein, bis sie nicht mehr als Rebsorten wahrgenommen werden, sondern als Struktur – was auch den Geschmack des Tignanello immer ein Bisschen auch in das Bordelais führt.
Doch das erklärt auch, warum Tignanello niemals bloß Bordeaux aus der Toskana werden konnte (obwohl er in den 1980er-Jahren fast einer geworden wäre). Der Wein besitzt internationale Werkzeuge, bleibt aber durch und durch toskanisch. Seine Säure, seine Kräuterwürze, seine feinkörnigen Tannine und dieser unverwechselbare Zug zwischen Kirsche, Erde und mediterranen Kräutern verraten jederzeit seine Herkunft. Die vier Flaschen meines Kellers erzählen deshalb weniger von einzelnen Jahrgängen als von einer Idee, die seit über fünfzig Jahren die Weinwelt befruchtet. Und womöglich einer der wenigen Supertuscans bleiben wird, der die Rotweinkrise überlebt.

