(Manfred Klimek Text & Foto)
Er sitzt am Tisch, die Hände zuerst ruhig, dann die Flasche Riesling tätschelnd, die grüne Flasche am Tisch, die mit dem Heiligen, dem Bischof, auf dem Etikett – dieses kleine barocke Theater, das Weinkennern wie Gelegenheitstrinkern seit 1961 sagt: Hier wird nichts modisch erfunden, hier wird zeitgemäßes Keltern stets als Teil einer 600 Jahre alten Tradition verfeinert. Emmerich Knoll senior, der große alte Mann der Wachau, ist keiner für große Worte. „Wir machen das so, wie wir’s immer gemacht haben – nur besser verstehen wir’s inzwischen“, sagt er und lächelt in sich hinein. Knoll lässt seine Weine sprechen, die er seit Jahren mit seinem kongenialen Sohn Emmerich jun., einem in seinem Wirken noch zu gering erkannten, echten Erneuerer keltert. Der Jahrgang 2024 klingt bei diesem Riesling Kellerberg wie ein frisch gestimmter Flügel.
Ich rieche ins Glas und muss zweimal diesen Duft nachziehen: Der Wein ist in der Nase zuerst zurückhaltend, beinahe scheu – doch wie ziseliert die Knolls die Frucht setzen! Pfirsich, Marille, Quitte, alles in hauchdünnen Schichten, ohne Parfüm, ohne Zuckerpinsel. Hier wird Nüchternheit zur Verführung. Das ist kein Duft, der sich anbiedert; es ist ein Duft, der Ordnung schafft.
„Der Kellerberg ist kein einfacher Weinberg,“ sagt Knoll, „der zwingt dich zur Geduld. Da darfst nix herausholen wollen, was nicht von selbst kommt.“ Der Kellerberg – Terrassen, karger Urgesteinsboden, kühle Durchzugluft der Donau – ist ein Lehrmeister der Balance. 2024 zeigt er den Charakter eines großen klassichen Dirigenten, aber ohne die frühere, wuchtige Rüstung mancher Smaragde. Der Wein zieht nicht an, er zieht ein: in den Gaumen, in die Gedanken. Am Beginn die leise, saftige Gelbfrucht, dann strafft sich alles – wie wenn ein Dirigent in der Generalprobe die Tempi korrigiert. Plötzlich ist da diese mineralische Linie, kein Steinbruch-Spektakel, sondern das feine Salz der Terrassen, messerscharf gefasst und doch nie hart. Man kann darüber reden, ob man „Terroir“ schmecken kann. Hier kann man es, weil die Frucht Platz macht für das, was darunter liegt.
Im Mund entfaltet sich, was in der Nase nur angedeutet war: eine der schönsten Ausarbeitungen mineralischer Salze, die ich in der Wachau je getrunken habe. Das ist präzise Kelterkunst, aber ohne Technokratie – eher ein Johann-Strauß-Walzer höchsten Niveaus: Schwung, Eleganz, das Lächeln im Takt, und unter allem eine eiserne Disziplin. Der Abgang ist lang, sehr lang, dabei kühl und glockenklar. Nichts rührt an, was nicht nötig ist.
„Wir tun heute weniger im Keller als früher,“ sagt Knoll, „weil das Lesegut mehr kann, wenn man’s in Ruhe lässt.“
Der 2024er erzählt zugleich etwas Neues. Nicht laut, aber bestimmt. Er deutet einen Wachauer Rieslingstil an, der die barocke Fülle nicht verrät, sie aber verschlankt: weniger Muskulatur, mehr Faser; weniger Schwere, mehr Tiefenschärfe. Es ist, als hätte Knoll die Schraube um eine halbe Umdrehung gelöst – nicht um gefällig zu werden, sondern um die innere Spannung besser hörbar zu machen. Man spürt das Vertrauen ins Lesegut, in die Selektion, in die Geduld des Ausbaus. Keine breiten Gesten, keine modische Reduktion um der Reduktion willen. Stattdessen Präzision, Timing, eine ruhige Hand.
So steht der Wein vor mir wie eine Summe aus Jahrzehnten Erfahrung – und doch mit der wachen Neugier eines Hauses, das sich nicht auf seiner Ikone ausruht. „Wenn ein Wein jung schon klar redet, ist das gut. Aber wichtiger ist, dass er in zehn Jahren noch was zu sagen hat,“ sagt Knoll.
Der Kellerberg 2024 ist Kunst aber kein Kunststück, er ist ein Argument: für Geduld, für Maß, für die Kunst, den Ton zu treffen, nicht die Lautstärke. Wer ihn jung öffnet, bekommt die Linie, das Salz, dieses kleine elektrisierende Flirren. Wer ihm Zeit gibt, wird die Frucht in Kammern entdecken, die jetzt noch geschlossen sind. Beides ist richtig. Und richtig gut.
Ich nehme einen letzten Schluck und denke, dass diese Flasche ein Versprechen in sich trägt: Die Wachau kann – ohne ihr Wesen zu verraten – noch präziser, noch eleganter werden. Emmerich Knoll senior und Emmerich Knoll junior müssen das niemandem erklären. Sie füllen es ab.

