(Manfred Klimek)
Wochenenden, die wirken. Schon so und nicht so, wie ich wollte. Wochenenden, die bereits während sie geschehen wissen lassen, dass am Ende eine Rechnung präsentiert wird. Meine kam am Montag. Mit Wucht. Aber beginnen wir am Anfang, also am Ende von vorvorgestern: Samstag, spätabends, Berlin, eine lose, leicht zerfranste Konstellation aus zwei Menschen Anfang dreißig – Kunstszene, klug, wach, ungeduldig – und mir, 63, also in jenem Alter, in dem der Körper noch glaubt, er sei unsterblich, aber längst begonnen hat, stumm die Paragraphen in die Luft zu schreiben, die der Geist früher gerne ignorierte.
Rausch hat ja seine mathematische Eigenlogik: Ich alleine trank zwei Flaschen eines einfachen, aber vorzüglichen Bordeaux, eine Reparaturflasche Rheinhessen-Riesling – das ist die Sorte Flasche, die nicht geplant, sondern instinktiv geöffnet wird, wenn die Gespräche einen Schlenker in Richtung Wahrheit (nicht mit der Wirklichkeit zu verwechseln) machen, und dann drei Gläser japanischen Whisky: freundlich, elegant, aber letztlich der Punkt, an dem der Abend beschloss, mir später ein Bein zu stellen.
Doch darum geht es nicht. Oder nicht nur. Entscheidend ist diese seltene geistige Weitung, die manchmal entsteht, wenn drei Menschen sich 18 Stunden lang durch ein gemeinsames Thema trinken, ohne sich zu verlieren. Diese Art von Rausch, deren Promilleanteil gering ist im Vergleich zum intellektuellen Sauerstoff, den er freisetzt. Gespräche, die nicht auf Wirkung zielen, sondern auf das Offene, das Unbewachte. Eine Art später Jugend, die sich nur dort ereignet, wo Alter und Begabung einander respektieren.
Und ja: Der Anteil solcher geglückten Rauschgespräche an der Gesamtheit aller weltweit geführten, alkoholinduzierten Gespräche ist marginal: eine Bruchteilsbruchteilsmenge. Aber an diesem Wochenende war er real. Stundenlang war die Welt nicht größer, aber klarer: Kunst, Politik, ein bisschen Gossip, das Altern, die Körper, die nicht mehr so zuverlässig regenerieren wie früher. Die Frage, warum bestimmte Ideen erst nach Mitternacht entstehen können – und warum sie dann so schnell wieder verschwinden. Ich habe mir später Notizen gemacht, aus einer Mischung aus Selbstschutz und Dankbarkeit. Sie sind erstaunlich brauchbar.
Natürlich kam der Preis. Sonntag Abend der erste Einbruch, das Gefühl, dass die Welt plötzlich schief hängt. Montag dann der totale Stillstand: ein Körper, der sich weigert, zu verhandeln. Es ist eine bittere Wahrheit, die sich mit dem Alter über die Jahre anschleicht: Alkohol ist nicht mehr der Katalysator, der er mit dreißig war. Er ist eine giftigere Substanz, eine, die länger bleibt, den Raum enger macht, den nächsten Tag brutal verkürzt. Ein Rausch, der früher ein Nebel war, ist heute ein Sturzbach.
War es das wert? Für die Gesundheit: wahrscheinlich nicht. Für die beiden anderen und für mich: unbedingt. Weil solche Abende selten geworden sind. Weil die Welt nüchtern nicht immer die Intensität liefert, die wir suchen. Weil Gespräch, wenn es gelingt, ein Fest ist – nicht für den Körper, sondern für die innere Mechanik, für das Denken, das sonst zu brav geworden wäre.
Heute offen wegen gestern geschlossen – wegen vorgestern: Ja, ich war nicht arbeitsfähig. Aber ich war lebendig. Und manchmal, das weiß jede Generation Rauschkinder, muss man einen Tag opfern, um eine Welt zu gewinnen.

