(von Manfred Klimek)
„Im Schmerz geboren“ – so hieß vor zehn Jahren ein Tatort mit Felix Murot (Ulrich Tukur), der sich weniger um Morde (von welchen es in diesem Tatort viele gibt) als um Erkenntnis drehte. Ein Film über Verwundung und Selbstbefragung. Über das, was bleibt, wenn einer fällt und ein anderer wieder aufsteht. Vielleicht ist genau das, was den Unterschied erklärt zwischen dem, was ich in den letzten vier Tagen in der Wachau gesehen habe – und dem, was sich derzeit in Deutschland im Weinbau abspielt.
Während an Mosel und Rhein die Unruhe wächst, die Klagen lauter werden, Winzer über Rückgänge und Absatzschwund sprechen, herrscht in Österreich, in der Wachau, im Kamp- und im Kremstal, eine beinahe unverschämte Gelassenheit. Niemand jammert. Niemand spricht von einer existenzbedrohenden Krise – ohne die Situation gerade kleinzureden. Und das nicht, weil es keine Rückgänge gäbe – auch hier schrumpft der Weinmarkt, um rund drei Prozent, wie mir ein Geschäftsführer einer der großen Wachauer Genossenschaften sagte (und damit nicht seinen Betrieb meinte). Doch während in Deutschland drei Prozent Rückgang schon als apokalyptisch gelten, sieht man sie in Österreich als Teil der Herausforderung einer sich neu gestaltenden Zukunft.
Ich habe in den letzten Tagen auch in Deutschlnad mit Winzern gesprochen, deren Namen ich nicht nennen werde – denn ich habe ihnen Vertraulichkeit zugesichert. Einige deutsche Moselbetriebe, exzellent geführt, berichten von bis zu minus acht Prozent Export in die USA (neben einem unter Druck geratenden Inlandsmarkt, wo Schnäppchen den Ton angeben, diese deutsche Einzigartigkeit, den niedrigstren Preis vor bessere Qualität zu stellen). Für kleine deutsche Moselweingüter sind Exportrückgänge existenziell. Zwei Winzerfamilien, mit welchen ich telefonierte, denken ernsthaft ans Aufhören – vor allem, weil sie keine Möglichkeit erkennen, eine lang andauernde Absatzkrise durchzustehen, die noch dazu von Sober- und Dry-Kampagnen moralisch befeuert wird.
In der Wachau hingegen erzählt mir ein Winzer mit stillem Lächeln von einem Zuwachs von acht Prozent – ebenfalls in die USA, trotz Zölle. Wie er das geschafft hat? Mit klarem Konzept und ohne mit der Gegenwart zu hadern. Er setzt nicht nur auf seine hochwertigen Smaragd-Lagenweine, sondern auf ebenso hochwertige Terrassenweine einer einfacheren Smaragdkategorie, die in der Spitzengastronomie in Europa aber vor allem in den USA im Offenausschank funktionieren. Nicht mit Preisnachlässen, sondern mit Wertigkeit und Präsenz – und mit dem Angebot, ein Glas für $ 7,90 kennen zu lernen; in der Spitzen- und Szenegastro großer Städte
Aus Deutschland kenne ich kein Beispiel dieser Art. Dort wird diskutiert, ob man den Wein günstiger anbieten müsse, um den Markt zu halten. In der Wachau verschiebt man lieber den Fokus, bleibt aber bei der Würde des Produkts. Das ist kein Marketingtrick, sondern Ausdruck einer Haltung.
Natürlich, der Vergleich ist nicht vollständig fair. Die Wachau ist klein, von Weißwein dominiert, und dort, wo in beiden Ländern Rotwein produziert wird, sind die Absatzprobleme sicher größer – und bedrohlicher. Aber der Vergleich Wachau – Rheingau oder Wachau – Mosel ist legitim. Preisstruktur, Sorten, Exportmärkte, das Prestige der Lagen – vieles ist ähnlich. Nur die Stimmung ist anders.
Ein Grund des Andersseins liegt auch in den Genossenschaften. In Österreich sind sie nicht das Sammelbecken für Mittelmaß, sondern Motoren der Erneuerung.
„Wir verlieren kaum bis keine Marktanteile, denn wir schärfen unsere Weine an den Kanten.“, sagte mir ein Geschäftsführer einer Genossenschaft – ein Mann mit glasklarem Blick und ohne jedes Selbstmitleid.
Sie setzen auf Qualität, auf Diversifizierung, auf moderne Sidelines – Zitate der Naturweine, biodynamische Linien, kleine Experimente, die Moden aufgreifen, ohne sich ihnen zu unterwerfen. Alkoholfreie Säfte? Nein, das verwässere die Linie und bringe nichts. Jährliche Produktion: 2,5 Mio Flaschen.
In Deutschland hingegen hängen viele Genossenschaften noch in den späten Neunzigern fest, in einer Zeit, als Bio als Bedrohung galt und naturnah als Risiko. Der Staub dieser Haltung sitzt tief in den schlaff hängenden Klamotten.
Und dann der kulturelle Unterschied: Österreichs Weinbau hat nach dem Weinskandal von 1985 eine Art zweite Geburt erlebt. Klar ist heute: diese Zeit entlockt den damaligen Protagonisten nur mehr ein müdes Gähnen. Doch aus dem Schock wuchs ein intellektualisierter Weinbau, ein Denken in Zusammenhängen, das weit über Technik hinausgehen. Es entstand eine Generation von Winzern, die gelernt hatte, dass Katastrophe auch Läuterung sein kann. Dass man aus einer Krise nur dann zurückkehrt, wenn man sich ihr stellt – nicht, wenn man sie verdrängt. Und dass es einer Modernisierung der Verbände bedarf, einer Disruption, die Deutschland in seinem Bürkokratiewahn bislang immer vermied.
In Deutschland gab es zwar auch einen Weinskandal, aber kaum bis keinen echten kulturellen Wandel daraus. Keine neue Selbstbefragung, keine nationale Weinseele, die sich erneuerte.
Und damit sind wir beim dritten, dem vielleicht entscheidenden Unterschied: dem Weinpatriotismus. In Österreich trinken die Österreicher vor allem österreichischen Wein. Nicht aus Chauvinismus, sondern aus Selbstverständlichkeit. Wein gehört zur nationalen Kultur, wie das Theater, der Schmäh, der Dialekt. Und dieses Selbstverständnis wurde über Jahrzehnte gepflegt – durch positive, kontinuierliche Berichterstattung, durch Markenbildung, durch die Schaffung von Symbolen.
Lenz Moser IV etwa, um nur ein Beispiel zu nennen, Winzer und Marketingexperte, hat mit seiner Kooperation mit dem Winzer Markus Huber im Traisental die Marke New Chapter für einen gewichtigen aber easy zu verstehenden Grünen Veltliner geschaffen, die über den Wein hinauswirkt – ein Symbol, wie es Italien mit Tignanello oder Frankreich mit Mouton-Cadet hat. Deutschland fehlt so etwas – ausgenommen Ernie Loosens US-Riesling. In Deutschland wird der eigene Erfolg gern dekonstruiert, bevor er überhaupt gefeiert werden kann.
Ich habe in der Wachau eine Stimmung erlebt, die man kaum planen kann: ein kollektives Grundvertrauen, dass Qualität sich durchsetzt, dass Wein nicht billig sein muss, um getrunken zu werden. Dieses Vertrauen ist kein Zufall.
Vielleicht ist das die wahre Lehre der aktuellen Krise: dass Deutschland noch nie gezwungen war, aus Schmerz heraus neu zu denken. Die Wachau, das Kamptal, das Burgenland – sie haben gelernt, dass Krisen das Bewusstsein schärfen. Sie haben den Mut entwickelt, sich nicht im Mangel zu definieren, sondern in der Haltung.
Ich glaube, deshalb jammern die Österreicher nicht. Sie wissen, dass man Wein nicht aus/mit Panik verkauft. Und sie wissen, dass der Wert eines Weins nicht an der Zahl der Flaschen hängt, sondern an der Klarheit, mit der er gekeltert wird.
Vielleicht wird auch in Deutschland eines Tages wieder weniger erklärt und mehr verstanden. Vielleicht muss der Schmerz erst kommen, damit das Bewusstsein reift. Vielleicht aber setzt sich die derzeitige Resignation durch, die das ganze Land zu erfassen scheint. Und das wäre für eine solch bedeutende Weinbaunation the bitter end.

