(Claude Auguste / pic: Sansibar Sylt)
Klaus Peter Keller ist eines der großen Wunder des deutschen Weinbaus. Nicht alleine weil er großartige Rieslinge keltert, das tun andere auch, sondern weil er ausgerechnet in Rheinhessen jene Flaschenpreise durchsetzte, die früher nur im Burgund zu denken waren. Rheinhessen, lange Zeit Synonym für Menge, Liebfraumilch und freundlich belanglose Alltagsweine, wurde durch Keller zu einer Gegend, an der deutsche Rieslinge plötzlich wie Kultobjekte gehandelt wurden. G-Max, Abtserde, Hubacker, Kirchspiel: Namen, die heute in Auktionen auftauchen, als wären sie selbst in diesen schwierigen Jahen noch Hot-Chips Die Weine sind groß. Daran besteht kein Zweifel. Grotesk bleibt trotzdem der preislische Abstand zu jenem Wein, der Kellers Handschrift vielleicht am unmittelbarsten zeigt: der Riesling Von der Fels.
Von der Fels ist auf dem Papier ein Einstiegsriesling. In Wahrheit ist er einer der klügsten Weine Deutschlands. Er stammt aus jungen Reben großer Kalksteinlagen, also aus Material, das viele andere Güter längst als Prestigewein verkaufen würden. Bei Keller wird daraus ein Wein, der die strenge, kreidige, glasklare Art des Hauses ohne großes Preisschild erzählt. Genau das macht ihn so interessant. Kellers teuerste Rieslinge können überwältigen – nicht alle tun das. Von der Fels hingegen überzeugt. Er trägt denselben inneren Bau, dieselbe Nervenbahn, dieselbe trockene Präzision. Nur ohne den ökonomischen Größenwahn des Sekundärmarkts.
Der Vergleich zu Wittmann drängt sich in Rheinhessen ohnehin auf. Auch dort entstehen große trockene Rieslinge aus Kalkstein, oft von derselben Ernsthaftigkeit, anders gebaut, biodynamisch, nicht geringer im Zugang. Wittmanns Top-Lagen sind im Verhältnis günstiger, was den Keller-Kult noch deutlicher sichtbar macht. Der Markt bezahlt bei Keller längst nicht nur Wein, sondern Seltenheit, Mythos und Besitzwillen. Das kann niemand einem Weingut vorwerfen. Es zeigt nur, wie eigenartig Wein geworden ist, sobald er nicht mehr getrunken, sondern zugeteilt wird.
Dabei ist Keller am stärksten dort, wo der Kult noch nicht alles überdeckt. Die Chardonnay-Weißburgunder-Cuvée besitzt seit Jahren eine fast unverschämte Selbstverständlichkeit. Die Scheurebe (trocken) des Hauses gehört zu den besten Deutschlands, weil sie die Sorte nicht in exotische Parfümerie kippen lässt, sondern ihr Struktur gibt. Und Von der Fels bleibt jener Riesling, bei dem die ganze Keller-Schule zugänglich wird: Kalk, Zug, gelbe Frucht, Kräuter, Salz, kein Dekor.
2025 wirkt in dieser kleinen Vertikale natürlich als stärkster Jahrgang. Der Wein duftet nach Marille, Kumquats, etwas Mandarine, Zitruszeste und geing nach Kreide. Am Gaumen zeigt er jene seltene Verbindung aus Leichtigkeit und Substanz, die nur große einfache Weine besitzen. Die Säure steht nicht neben dem Wein, sie zieht ihn nach vorne. Alles ist hell, kühl, präzise und doch trinkfreudig. Ein Wein, der bereits jetzt funktioniert und trotzdem einige Jahre Keller locker verträgt. Kellers eigener Begriff vom Zechwein klingt hier fast komisch. Wenn das Zechwein ist, braucht Deutschland weniger Prestige.
2019 zeigt sich reifer, breiter, aber keineswegs müde. Die Frucht geht stärker in gelben Apfel, reife Zitrone, etwas Darjeeling, Kräuter und nassen Kalk. Der Wein besitzt gering mehr Druck als der 2025er, wirkt dichter und stoffiger, ohne die Linie zu verlieren. Nach etwas Luft kommt jener Grip, für den Keller berühmt ist: kein Gerbstoff, keine Härte, sondern eine fast taktile Mineralik. 2019 ist der Von der Fels für den Tisch. Für Fisch, Geflügel, asiatische Küche, auch für Schweinebraten mit Kren. Er verlangt keine Andacht. Er verlangt ein großes Glas.
2016 steht straffer im Raum. Grapefruit, Kräuter, Kreide, etwas weiße Blüte, wenig Reifezugabe. Der Jahrgang hat die Kanten nie ganz versteckt, und genau das steht diesem Wein gut. Die Säure ist präsent, aber nicht scharf. Der Wein wirkt gespannt, schlank, ernsthafter als 2019, weniger charmant als 2025. Dafür besitzt er jene trockene Länge, die erst nach dem Schlucken zeigt, wie viel Wein tatsächlich im Glas war. Ein Von der Fels für Rieslingtrinker, nicht für Rieslingromantiker.
2013 schließlich ist der gereifte Blick zurück. Gelber Apfel, Birne, etwas, sehr gering, Honig, Nuss, Cashew, dazu eine weiterhin lebendige Säure. Die Frucht hat ihre Jugend verloren, aber nicht ihre Form. Der Wein zeigt, wie gut Von der Fels altern kann, ohne in große Rieslingpose zu wechseln. Keine Petrolshow, kein Altersdrama. Eher ein ruhiger, präziser, inzwischen mild gewordener Kalkriesling mit Nachhall.
Nach vier Jahrgängen bleibt der Eindruck eindeutig. Keller muss seine großen Weine nicht über Von der Fels rechtfertigen. Von der Fels stellt eher die großen Preise infrage. Nicht aus Rebellion. Sondern weil er zeigt, wie vollständig ein Wein sein kann, bevor der Markt beginnt, ihn wichtig zu machen.

