(Manfred Klimek / pic: Isna / Quelle: BBC)
Es sind oft mal die kleinsten, nebensächlichsten Meldungen, die eine größere Geschichte erzählen. Zwischen Schlagzeilen über Machtkämpfe in Teheran und Analysen der neuen, alten iranischen Führung tauchte in einer eher vom Regime versteckten Meldung dieser Satz auf: Alkohol, vor allem Wein, werde in Restaurants in den Städten Irans inzwischen eher geduldet. Kein Gesetz. Keine Reform. Kein Dekret. Nur ein kurzer Nebensatz. Und doch könnte er mehr über das Verhalten des schiitischen Regimes erzählen als viele außenpolitische Kommentare.
Fast ein halbes Jahrhundert lang gehörte Wein im Iran zu jenen Dingen, die offiziell nicht existierten. Die Islamische Revolution machte 1979 Schluss mit einer jahrtausendealten Weinkultur. Was über lange Zeit selbstverständlich gewesen war, verschwand nicht aus den Kellern, sondern aus dem öffentlichen Leben. Getrunken wurde dennoch. Jeder wusste es. Der Schwarzmarkt florierte, selbst gebrannte Spirituosen zirkulierten durchs Land, geschmuggelte Flaschen wechselten diskret den Besitzer. Auch Teile der Revolutionsgarden sollen an diesen Märkten mitverdient haben. Der Staat verbot den Alkohol – und lebte zugleich mit seiner Existenz.
Nun scheint sich etwas zu verschieben. Nicht spektakulär, eher tastend. Wenn Restaurants Wein oder andere alkoholische Getränke zumindest dulden dürfen, verändert sich nicht nur der Konsum. Es verändert sich der öffentliche Raum. Wein verlässt die Wohnzimmer und kehrt an die Gastrotische zurück. Das klingt nebensächlich. Ist es aber nicht.
Denn Wein war im Iran nie bloß ein Getränk: Persien gehört zu den ältesten Weinkulturen der Welt. Lange bevor Europa seine großen Weinregionen entwickelte, wurde zwischen Zagros-Gebirge und Kaspischem Meer bereits Wein erzeugt. Die persische Dichtung ist voller Wein. Hafez und Omar Chayyām schrieben über ihn, manchmal religiös verschlüsselt, oft erstaunlich direkt. Der Wein stand für Lebensfreude, Erkenntnis und Freiheit. Dass ausgerechnet dieses Land ihn fast fünfzig Jahre lang aus dem öffentlichen Leben verbannte, war historisch betrachtet eher die Ausnahme als die Regel. Aber eben die Regel in ultraislamischen Ländern.
Natürlich kehrt deshalb morgen keine große Weinindustrie zurück. Noch existieren weder die gesetzlichen Grundlagen noch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Aber die Voraussetzungen wären erstaunlich gut. Millionen Rebstöcke wachsen ohnehin im Land. Der Iran zählt zu den bedeutenden Produzenten von Tafeltrauben und Rosinen. Die Besitzer, viele ehemalige Winzer, kennen ihre Böden. Die klimatischen Bedingungen vieler Regionen eignen sich hervorragend für hochwertigen Weinbau. Zwischen einer Traubenwirtschaft und einer kleinen Weinwirtschaft liegen keine unüberwindbaren Welten. Kellertechnik lässt sich kaufen. Know-how ebenfalls. Was fehlt, ist allein die politische Erlaubnis.
Nicht auszuschließen, dass jetzt dort eine Entwicklung beginnt, die wir unterschätzen. Nicht mit großen Châteaus oder prestigeträchtigen Etiketten. Sondern mit einfachen Tischweinen. Mit Restaurants, die ihren Gästen wieder ein Glas zum Essen einschenken. Mit Winzern, die neben Tafeltrauben erstmals wieder Wein keltern dürfen. Eine neue iranische Weinkultur würde vermutlich klein beginnen. Und gerade deshalb glaubwürdig. Richtig groß, das ist sicher, lässt sie das Hardcore-Islamregime sicher nicht werden.
Vielleicht entdeckt auch die Politik dabei etwas, das Herrscher seit Jahrhunderten wissen. Wein kann versöhnen. Nicht als Betäubungsmittel, sondern als Kulturtechnik. Wer gemeinsam isst und trinkt, streitet anders. Wer im Restaurant sitzt, sitzt nicht auf der Straße. Der römische Ausdruck vom Brot und Spielen bekommt hier eine neue Variante: vielleicht genügt manchmal schon ein Glas des Jahrzehnte verbotenen Wein.
Das klingt zynisch. Ist es aber nicht unbedingt. Staaten haben immer versucht, gesellschaftliche Spannungen auch über Kultur und Alltag zu entschärfen. Cafés, Theater, Fußball – oder eben Restaurants. Wein könnte im Iran tatsächlich zu einer kleinen Form gesellschaftlicher Entspannung führen. Nicht als Freiheit aller Feiheiten. Aber vielleicht als deren Vorbote.
Und genau deshalb lohnt es sich, auf diesen unscheinbaren Nebensatz zu achten. Nicht weil morgen ein rhoneartiger Shiraz aus Persien kommt. Sondern weil eine Gesellschaft oft dort beginnt, sich zu verändern, wo sie wieder gemeinsam essen, trinken und miteinander reden darf. Es ist erstaunlich, dass die jetzt regierenden Revolutionsgarden (die Mullahs haben an Einfluss verloren) diese Entwicklung zulassen. Aber wahrscheinlich ist auch dort das Geld knapp. Und die Terrorbrigarde sucht neue Einkünfte. Sei es auch mit Alkohol und am Schwarzmarkt, der vielleicht keiner bleiben wird.

