(Manfred Klimek / Björn Grebner – Foto)
Ich sitze im warmen Licht der letzten warmen Sonnenstrahlen eines wie so oft inzwischen viel zu warmen Herbsts im Garten eines Fränkischen Gasthauses (Gasthauses klingt immer seltsam, aber es ist nun mal der Plural) – also; ich sitze im Gasthaus, vier Flaschen, vier Gläser vor mir, jede mit dem heiligen Urban auf dem Etikett. Man könnte meinen, ich hätte ein kleines Altartischchen gedeckt, für das Anhimmeln eines christlichen Würdenträgers. Doch die vier Flaschen wirken nur auf den ersten Blick sakral – eher stehen da vier aufmerksame Zeugen einer Zeitenwende. Wenn es einen Moment gab, in dem mir klar wurde, dass der Federspiel in der Wachau zurückkommt, ja zurückkommen muss, zurück in das Interesse auch der Weinenthusiasten, dann war es dieser: ein flight aus zwei Lagen, zwei Sorten, zwei Generationen – und alle vom Weingut Knoll – Anja, August und die beiden Emmerich Knolls.
Dabei war der Federspiel einst nicht die Kategorie für Nostalgiker oder Leichttrinker. In den 80ern war er die solide Mittelklasse der Wachau, so selbstverständlich wie der Schweinsbraten im Dorfgasthaus. Man füllte davon deutlich mehr ab als von den mächtigen Smaragden. Und die Steinfeder – heute fast verschwunden – stellte damals zusätzlich die unbeschwerte Alltagstrinkkultur dar: 10 bis 11 Prozent Alkohol, fruchtig, kühl, unkompliziert. Genau jene Weine also, nach denen der Markt heute verzweifelt sucht – vor allem für Frauen, die die dicken, fetten Männerweine satt haben.
Das System der Vinea Wachau war und ist klar gegliedert: Steinfeder für das Leichte, Federspiel für das Klassische, Smaragd für das Kraftvolle. Drei Etagen des Wachauer Ehrgeiz. Doch die Steinfeder wird leiser, wird vielleicht sogar sterben – nicht, weil man sie nicht braucht, sondern weil sie gegen das Klima ankämpfen muss. Und mitten in diesem Wandel steht der Federspiel plötzlich wieder glänzend da: leicht genug, um zu gefallen, ernsthaft genug, um zu bleiben.
Dass der Federspiel nun vielleicht zurückkehrt, liegt auch daran, dass die Zeit reif ist für Weine, die weder prahlen noch sich verstecken. Vielleicht sind es „Frauenweine“ im besten Sinn: zugänglich, aromatisch differenziert, nicht ideologisch aufgeladen. Vielleicht sind sie aber einfach die zeitgemäßeren Weine in einer Welt, die Eleganz und in sich ruhende “Bekömmlichkeit” (ein Wort, das Winzern und Weinhändlern auch heute verboten ist, werbewirksam einzusetzen) wieder mehr schätzt als Muskelspiel.
Und dann stehen diese vier Knoll-Federspiele vor mir – zwei junge 2024er, zwei gereifte Jahrgänge. Und alle vier sind eine Pracht
Die jungen 2024er
Der Grüner Veltliner Ried Trum Federspiel 2024 kommt leichtfüßiger daher als angenommen, aber nicht harmlos. Sortentypizität, klare Struktur, ein Wein, der nichts mehr will als sein, was er ist – und gerade darum in seiner Klasse (wir reden hier von rund 16 bis 18 Euro pro Flasche) brilliert und überzeugt.
Der Riesling Loibenberg 2024 ist der elegante Gegenpart: schmaler gebaut, ziseliert, mit jener Weite im Duft, die der Loibenberg immer schon hatte. Das ist die Sorte Federspiel, die sofort im Glas funktioniert: kühl, lebendig, präzise.
Die gereiften Flaschen – das eigentliche Wunder
Der Grüner Veltliner Ried Trum Federspiel 2016 zeigt in der Nase Marille vor Weingartenpfirsich, reife Veilchen, etwas Kamille, einen Hauch Orangenschale, dazu eine nussige Note mit brotigem Unterton. Im Mund reif, aber niemals müde; Paprika, weißer Pfeffer, Terroirsalze, supergering auch schwarze Trüffel und wieder dieses Roggenbrot. Ein Wein, der im frühen Alter fasziniert – ohne je zu schwächeln; auch noch nach Tagen in der offenen, gekühlten Flasche nicht.
Der Riesling Loibenberg Federspiel 2015 wirkt zehn Jahre später fast jugendlich – Steinobst, etwas Kohlrabi, Löwenzahn, Mohnblume, kalte Birne. Am Gaumen beeindruckend wach und präsent als wäre er aus 2019 oder 2020.
Bei beiden Weinen wird sichtbar, was wir in den letzten Jahren oft übersahen: Federspiele können reifen. Und wie! Zehn weitere Jahre mindestens, fünf darüber hinaus – in jener Morbidität, die Kenner verehren.
Was bleibt? Eine Erkenntnis, die sogar der heilige Urban abnicken würde:
Der Federspiel ist nicht jene zweite Liga, in der kraftweintrinkende Männer ihn die letzten 30 Jahre verschlagwortet haben. Er ist der Wein der Gegenwart. Und mehr noch der Zukunft.
Leicht, aber nicht leichtfertig.
Fein, aber nicht dünn.
Und genau hier, in dieser stillen Mitte zwischen tänzelnder Leichtigkeit und fruchtig-pfeffriger Würde, beginnt das alte Kapitel der Wachau jetzt neu. Wenn wir es wollen.

