(Manfred Klimek / Foto: Thomas Schwarz, Kloster am Spitz – ein Mann der Moderne)
Es fällt auf. Nicht wissenschaftlich – das steht noch aus. Nicht repräsentativ. Aber auffällig genug, um darüber nachzudenken. Immer dann, wenn ich über alkoholarme oder entalkoholisierte Weine schreibe, kommen die schärfsten Einwände fast ausschließlich von Männern. Meistens meiner Generation. Manchmal etwas jünger. Selten unter vierzig. Fast nie von Frauen. Die Vorwürfe ähneln sich erstaunlich. Das habe mit Wein nichts mehr zu tun. Das sei Verrat an einer jahrtausendealten Kultur. Das sei Marketing. Das sei Kapitulation. Der Ton erinnert weniger an eine Verkostung als an einen Kulturkampf.
Dabei geht es längst nicht mehr um die Qualität. Die hat sich bei den neuen Produkten der Weinwelt in den vergangenen Jahren dramatisch verbessert. Moderne Verfahren holen heute viele Aromastoffe aus dem Alkohol zurück in den alkoholarmen Wein. Aus einem Verzichtsprodukt ist eine neue Weinkategorie geworden. Wer das leugnet, verkostet nicht mehr. Er verteidigt eine Vorstellung. Vielleicht lohnt sich genau dort ein Blick über den Wein hinaus. Auch die Automobilindustrie erlebt derzeit etwas Ähnliches. Für viele Männer ist der Verbrennungsmotor weit mehr als ein technisches System. Er steht für Freiheit, Kontrolle, Leistung und ein bestimmtes Selbstbild. Das Elektroauto wird deshalb nicht nur technisch diskutiert. Es wird kulturell bekämpft. Ähnlich verhält es sich beim Wein. Der Alkohol ist für manche nicht bloß Bestandteil eines Getränks. Er gehört zu einer Vorstellung von Männlichkeit, Genuss und Souveränität. Wer daran rührt, rührt am Selbstbild.
Das bedeutet nicht, dass Männer grundsätzlich konservativer trinken. Aber sie verteidigen häufiger jene Rituale, mit denen sie groß geworden sind. Frauen scheinen damit oft pragmatischer umzugehen. Viele trinken heute bewusster, möchten mittags ein Glas Wein genießen, ohne anschließend müde zu werden, oder suchen für einen langen Restaurantabend Alternativen zum klassischen Zwölf- oder Dreizehnprozent-Wein. Dahinter steckt selten Ideologie. Meistens steckt Alltag dahinter. Genau dort beginnt das eigentliche Versäumnis des Weinbaus.
Über Jahrzehnte orientierte sich die Branche erstaunlich stark an einem männlich geprägten Ideal: große Rotweine, hohe Alkoholwerte, maximale Konzentration, möglichst viel Extrakt. Selbst viele Weißweine wurden immer kräftiger. Was früher als schlank galt, erschien plötzlich als unvollständig. Dabei veränderten sich die Konsumentinnen längst. Sie wollten keineswegs weniger Qualität. Sie wollten häufig nur weniger Alkohol. Der Weinbau hörte lange auf die lauteren Stimmen. Und das waren häufig Männer. Dabei zählen Frauen heute zu den verlässlichsten Käuferinnen hochwertiger Lebensmittel und Getränke überhaupt. Sie entscheiden in vielen Haushalten über den Einkauf, interessieren sich für Herkunft, Nachhaltigkeit und Gesundheit und besitzen oft eine größere Bereitschaft, neue Produkte unvoreingenommen zu probieren. Ausgerechnet diese Gruppe wurde bei der Entwicklung neuer Weinstile erstaunlich lange unterschätzt.
Dabei geht es gar nicht darum, den klassischen Wein zu ersetzen. Große Rieslinge, gereifte Bordeaux oder gereifte Blaufränkisch oder Spätburgunder werden ihren Platz behalten. Niemand fordert ihre Abschaffung. Aber warum sollte ein modernes Weingut nicht ebenso selbstverständlich einen überzeugenden Wein mit sechs oder sieben Prozent Alkohol keltern? Warum soll ein alkoholfreier Sauvignon Blanc weniger ernst genommen werden als ein Rosé oder ein Pet Nat? Wein war immer dann am erfolgreichsten, wenn er neue Anlässe geschaffen hat.
Sehr wahrscheinlich erleben wir gerade deshalb keinen Generationenwechsel, sondern einen Kulturwechsel. Die Frage lautet nicht mehr, ob ein Wein zwölf oder null Prozent Alkohol besitzt. Die Frage lautet, ob er Freude bereitet. Ob er zum Essen passt. Ob wir ein zweites Glas bestellen möchten. Alles andere entscheidet der Markt. Und vielleicht sollten gerade die Männer meiner Generation einen Gedanken zulassen. Fast alles, was wir heute für selbstverständlich halten, galt im Wein einmal als Sakrileg: Temperaturkontrolle. Edelstahltank, Schraubverschluss, Biodynamie, Orange Wine, Naturwein. Heute streitet kaum noch jemand darüber.
Warum also nicht auch unter sechs Prozent Alkohol? Nicht weil der klassische Wein verschwindet. Sondern weil die Weinwelt größer geworden ist.

