(Manfred Klimek / Pic animatied: Runwayml)
Rechnitz und Wösendorf, der eine Ort am östlichsten Ausläufer der Alpen, der andere am südlichsten Rand des österreichschen Waldviertels – Orte, die unterschiedlicher nicht sein können. Doch wir müssen hier länger verweilen, weil hier Weine eingeschenkt werden, als wären sie Argumente – nein, sind sie!
Rechnitz – das Anti-Idyll
Rechnitz liegt am Rande der Republik, nach Ungarn sind es ein paar Kilometer und jede Arbeitskraft in den Supermärkten pendelt aus Ungarn ein – was dem Kurzkassa-Gespräch etwas Paprika gibt. Zum Abschied sag’ ich “Wisla” (ein Insider). Die Luft ist grad sehr, sehr kühl, der Wind mäßig präsent. Die Böden aber sind bei jedem Wetter Grünschiefer, Lehm, Einschlüsse, Übergänge. Nichts ist eindeutig, nichts glattgezogen. Beim Weingut Straka wird daraus nicht nur ein präsenter und prägnanter Stil gekeltert, sondern eine Arbeitsgrundlage für Experimente, die sowohl im Regionalen als auch im Internationalen Anker werfen. Daraus enstand in den letzten zehn Jahren die sehr singuläre Handschrift Thomas Strakas – singuläre Handschriften fand ich in der Region um den Eisenberg übrigens erstaunlich viele.
Strakas Furmint 2023 steht kurz im Glas – und schon der erste Schluck bleibt erstaunlich lange. Leise, dunkle Kräuter, feine Bitternoten, Quitte, gering Marille, kaum Pfeffer, geringst Muskat: Spannung aus innerer Struktur. Und der erneute Hinweis, dass diese ungarische Traube auch nach Westungarn gehört. Warum wird dann nicht mehr von gepflanzt? “Jössas”, sagt Straka, “der Furmint ist noch schädlingsanfälliger als der Pinot Noir”.
Noch präziser (wenn das überhaupt geht) wird Straka bei den Blaufränkischen, die hier konsequent einzeln gelesen werden:
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Blaufränkisch Grünschiefer: hellbeerig, kühl, fast schwebend. Kräuter, rote Johannisbeere, eine Erdigkeit, die nicht beschwert. Sehr feine Tannine, lebendig geführt.
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Blaufränkisch Rechnitz DAC Reserve: dichter, strukturierter, aber nie schwer. Kirschfrucht, mineralischer Kern, Saftigkeit im Abgang. Ein Wein mit Reifepotenzial, das wohl länger währt, als gemeinhin angnommen. Shoot ziz Bargain!
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Blaufränkisch Ried Rosengarten: tiefer, tief, tiefer: dunkler, würziger. Brombeere, Wacholder, feinkörniges Tannin. Ernsthafter, konzentrierter, ohne ins Monumentale zu kippen.
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Blaufränkisch Ried Prantner: der kargste, straffste der Reihe. Cranberry, Preiselbeere, Kräuter, festes Rückgrat. Ein Wein, der Spannung hält und nicht auflöst.
Über Thomas Strakas nahezu einzigartige Welschrieslinge schreibe ich gesondert in der WELT am SONNTAG.
(Bei den Strakas kann jeder Gast, der unten ein Glas mehr trinkt, oder überhaupt einen Platz zum Schlafen sucht, einen Stock drüber vorzüglichst auf höchstem Niveau übernachten – wie ich weiß und empfehlen will).
Wösendorf – das Idyll
Wösendorf: Terrassen, Mauern, Weinberge, ein Fluß, eine richtige Kulturlandschaft. Bei Rudi Pichler fließt das alles ins Glas- im echt. Hier wird nicht nur verkostet, hier wird erklärt – ruhig, präzise, ins Detail, ohne Pathos. Pichler ist mit Bodenstein der liberale Intellektuelle der Wachau – nicht aus Pose, sondern aus der Denke und eines Wirtschaftsstudium heraus
Die Bodenprofile liegen nicht als Dekoration aus, sondern als Schlüssel. Gföhler Gneis, Paragneis, amphibolitische Einschlüsse, kalkfreie Zonen. Man versteht schnell: Diese Rieslinge entstehen nicht im Keller, sondern in Höhenlinien.
Die Smaragd-Rieslinge 2024 zeigen das deutlich:
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Terrassen: feiner Einstieg, weißer Pfirsich, Schieferanklang-Hauch, logisch-elegante Struktur. Ein Wein, der für diese Qualität fast unverschämt günstig und lagerfähig ist. Und ein Wein auch für den Zielmarkt USA, wo er, trotz Zölle, einen kleinen Boom verzeichnet – eben, weil er das Große gut und günstig erklärt.
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Kirchweg: mineralisch verdichtet, präziser Zug, klare Frucht. Sedimente vom Hang darüber sind spürbar, nicht erklärungsbedürftig.
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Hochrain: straffer, konzentrierter, mit deutlicher Spannung. Alte Reben, mehr Tiefe, längerer Atem. 50 Jahre im Keller steht er gut durch. Aber so lange leben wir nicht mehr.
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Achleithen: puristisch, druckvoll, kompromisslos. Gneis, Kargheit, Länge. Ein Riesling, der fruchtig verzückt, doch auch mineralisch unn intelektuell fordert. Mehr, als deutsche Rieslinge. Das gilt auch für den Hochrain.
Von den Federspielen und Grüner Veltlinern Rudi Pichlers werde ich in der WELT am SONNTAG berichten
Was bleibt
Zwei Orte, zwei Landschaften, zwei sehr unterschiedliche Sprachen. Und doch etwas Gemeinsames: Beide Betriebe verzichten auf Vereinfachung. Sie trauen ihren Weinen zu, zugleich einfach als auch fordernd gelesen zu werden. Sie rechnen im Buch der Weine mit Aufmerksamkeit, nicht mit Effekten. Österreich as best as it can.

