(Manfred Klimek / animated pic: runwayml)
Alle Jahre wieder, alle Jahre Tradition: Große Verkostungen, organisiert von Verbänden, Regionen oder Vereinigungen wie dem VDP, finden in festlichen Sälen statt, perfekt ausgeleuchtet, präzise durchgetaktet, getragen von einer immer durchgehend freundlichen Atmosphäre. Winzer, Händler, Journalisten – alle sind da, alle gut gelaunt, alle bereit, sich durch eine beeindruckende Zahl von Weinen zu arbeiten. Es sind wichtige Termine, zweifellos. Und doch gehe ich seit Jahren nicht mehr hin.
Das hat nichts mit Arroganz zu tun und noch weniger mit Geringschätzung. Im Gegenteil: Ich bewundere die Organisation dieser Veranstaltungen, die Disziplin der Winzer, die Geduld der Einschenkenden und die Ausdauer vieler Kolleginnen und Kollegen, die sich konzentriert durch Reihen von Gläsern arbeiten. Aber genau darin liegt für mich das Problem. Ich kann nicht hundert Rieslinge hintereinander so verkosten, dass ich mir am Ende sicher bin, jedem einzelnen gerecht geworden zu sein.
Die ersten zwanzig, vielleicht dreißig Weine – ja, da funktioniert das noch. Ich bin wach, die Sinne sind frisch, die Unterschiede klar. Man riecht, man schmeckt, man vergleicht. Doch dann beginnt sich etwas zu verschieben. Die Aromatik verdichtet sich zu Mustern, die sich wiederholen. Die Unterschiede werden feiner, aber auch schwerer greifbar. Natürlich erkennt man noch Qualität, man spürt Struktur, Säure, Herkunft. Aber die Sicherheit, die Präzision im Urteil – sie wird brüchiger.
Nach dem vierzigsten Glas, manchmal früher, manchmal später, stellt sich eine leise Ermüdung ein, die nicht körperlich ist, sondern sensorisch. Der Gaumen wird gleichgültiger, die Nase beginnt zu sortieren statt zu entdecken. Und genau in diesem Moment beginnt die eigentliche Herausforderung dieser Verkostungen: nicht mehr zu verlieren, was man zu Beginn hatte – die Aufmerksamkeit für jeden einzelnen Wein.
Hinzu kommt ein zweiter Punkt, der für mich entscheidend ist. Auf diesen Veranstaltungen wird gespuckt. Es geht gar nicht anders, will man halbwegs konzentriert bleiben. Und natürlich ist das professionell, selbstverständlich sogar. Jeder, der ernsthaft verkostet, beherrscht das. Auch ich. Das sogenannte retronasale Verkosten, das Zurückholen der Aromen über den Rachenraum, funktioniert zuverlässig und erlaubt eine erstaunlich differenzierte Wahrnehmung.
Aber es ist, bei aller sensorischen Perfektion, nicht das Ganze. Ein Wein zeigt sich nicht nur im Antrunk, nicht nur in der Aromatik, sondern auch in seinem Verlauf, in seiner Textur, in dem, was nach dem Schlucken bleibt. Der Moment, in dem der Wein den Körper erreicht, ist kein beiläufiger. Er gehört zur Erfahrung dazu. Ohne ihn fehlt etwas – nicht alles, aber genug, um vorsichtig zu werden mit abschließenden Urteilen.
Ich habe großen Respekt vor Kolleginnen und Kollegen, die unter diesen Bedingungen zu klaren Bewertungen kommen. Viele können das besser als ich, routinierter, disziplinierter. Vielleicht ist es auch eine Frage der Übung. Aber ich habe für mich entschieden, dass ich Weine anders kennenlernen möchte. In kleineren Gruppen, mit mehr Zeit, mit der Möglichkeit, zurückzugehen, ein Glas stehen zu lassen, wiederzukommen. Und ja, auch mit dem Schluck.
Das bedeutet nicht, dass große Verkostungen ihren Wert verlieren. Sie sind wichtig als Überblick, als Standortbestimmung, als Möglichkeit, viele Weine nebeneinander zu erleben. Sie schaffen Vergleichbarkeit, sie bringen Menschen zusammen, sie setzen Impulse. Aber sie haben Grenzen. Und diese Grenzen sollte man kennen, auch wenn man sie professionell überspielt.
Der Punkt ist, nicht gegen diese Veranstaltungen zu argumentieren, sondern für ein Bewusstsein ihrer Bedingungen. Denn am Ende geht es um etwas sehr Einfaches und sehr Schwieriges zugleich – einem Wein gerecht zu werden. Und das gelingt, zumindest mir, nicht im Takt von hundert Gläsern.

