(Diese Text erschein davor in der WELT am SONNTAG, der angekündigte Tirol-Text liegt bei unserem Medienanwalt, der ihn noch nicht freigeben will. Kommt dann morgen)
Osterreicher (ich) trifft Östreicher: die Winzer Kerstin und Richard Östreicher in Sommerach am Main. Schicht um Schicht greifen hier die Rebstöcke seit Jahrhunderten in die Erde und saugen Wasser und Mineralsalze aus einem Boden, der wiederum aus alten Rebwurzeln längst verblichener Rebstöcke besteht – DNA der Herkunft. Kerstin und Richard Östreicher wissen von dieser DNA und arbeiten diese, so gut wie sie können, aus. Und sie können das sehr gut. Sparen wir uns weitere Worte und gehen gleich zu den Weinen.
Der Silvaner Gewanne „Augustbaum“ 2022 etwa (€ 34,00). Getrunken um 10h Vormittag, wenn Zunge und Gaumen noch durch kaum Essen abgelenkt wurden. 12 Monate lag er auf der Vollhefe, im gebrauchten Tonneau aus Frankreich – keine Attitüde, nur Substanz: Quitte, florale Anklänge, ein Hauch Himbeergeist – aber ohne Süße. Die Frucht ist nicht jung, sondern in jeder Phase erwachsen. Dieser Glanz von Wein wurde bei der Prüfung für die Prüfnummer fünfmal abgelehnt, bevor man ihn endlich durchließ. Das sagt mir, dass die alten Hohepriester unter den Weinprüfern die Moderne der Gegenwart nicht verstehen. Die Saftigkeit des Augustbaum ist kein Effekt, sondern ein Aggregatzustand. Ca. 2000 Flaschen gibt es von, mehr braucht es nicht. Wenn etwas geformt wurde, statt entworfen.
Der 2023er derselben Lage? Er ist (€ 36,00) rustikaler, aber keineswegs derb. Mehr Flussbett als Flaniermeile. Die Nase erinnert an Burgund, an Mâcon vielleicht, oder an einen Marsanne aus einer höheren Lage. Auch das ist eine Form von Identität: nicht dort zu sein, und so zu sein wie dort.
Der Chardonnay Rossbach 2023 (€ 65,00) wirkt wie aus einem Guss: Fassvergoren in Damy und Francois Frères, Holz aus den Wäldern, die auch Meursault versorgen. Klone aus ebendort. Die Textur ist fein gespannt, wie die Membran eines Instruments. Spontanvergoren, 1500 Flaschen. Kein Wein zum Bewundern, sondern zum Trinken mit anschließendem Niederknien und Dankgebet.
Nächste Flasche: der Silvaner „Maria im Weingarten“ 2022 (€ 42,00). Ein Weinberg unterhalb einer Kapelle (daher die Maria), auf tonig-eisenhaltigem Kalk. Klassischer als der Augustbaum, aber mit kantiger Tiefe. Ein Wein, der seine eigenen Umrisse definiert – dramatischer als andere deutsche Weine das können.
Und Rotweine? Ja natürlich. Denn Rotweine aus Mainfranken zählen für mich oft zur Weltspitze. Östreichers Spätburgunder (Pinot Noir) aus der Gewanne „Rosen“ 2018 etwa (€ 52,00) – nur 1000 Liter, delikates elegantes Holz die Böden: sandiger Lehm, Muschelkalk, 20 Meter Luftlinie vom Main, 3,4 Meter oberhalb des Flussniveaus. Eine elegante Würze durchzieht den Rosen, als käme sie nur aus dem Boden selbst. Keine aromatische Aufrüstung im Keller, sondern tektonische Spannung, die in den Böden der Weingärten entsteht. Wer genau schmeckt, findet hier eine Linie, die sich bis in die besten Lagen der Côte de Nuits verfolgen ließe.
Der Spätburgunder Gewanne Katzenkopf 2023 (€ 68,00) bringt 20 % neues Holz mit ins Spiel: eine klar definierte Struktur, eine Form von Entscheidung, wie man sie nur trifft, wenn man weiß, was man will. Der Spätburgunder Gewanne Hallburg (28 Euro): Kirsche, Cassis, Minze, Marzipan, Rosmarin – ein italienisches Dorf im Januar, wenn die Straßen leer sind, aber die Luft noch nach dem Fest riecht.
Östreichers Weißburgunder Hölzlein 2023 (€ 35,00) ist mineralisch bis ins Mark: gepflanzt 2000, und eher Mercurey als Mittelfranken. Der 2024er zeigt mehr Zug, bleibt aber auf derselben Linie. Herkunft ist hier keine Rückversicherung, sondern Werkzeug.
Der Silvaner „sur lie“ 2023 (€ 22,00): leicht trüb, dicht, dramatisch in der Nase. Pfirsich, Bohnen, Haselnuss, Walnussschale – kein Effekt, sondern Schichtung. Der Boden ist Muschelkalk, aber der Eindruck ist fast alpin. Ein Silvaner, der wie ein Burgunder spricht, ohne die Sprache zu imitieren. Davor: Maria. Davor: Augustbaum. Es ist ein System von Sätzen, die sich gegenseitig stützen, widersprechen und zuletzt vervollständigen.

