(Claude Auguste, Redaktion, Getty-History)
In Amerika wird eine Late-Night-Show abgesetzt, in Europa der Wein im Feuilleton an den Pranger gestellt. Und die Mechanik ist jedes Mal dieselbe: steter Tropfen höhlt den Stein. Kein großer Schlag, kein heroischer Endkampf. Es ist das Summen, das sich zur Geräuschkulisse verfestigt, die tägliche Mikro-Erosion der Legitimation. Erst ist es ein Shitstorm, dann ein Advertiser, der abspringt. Erst ist es ein mahnender Kommentar, dann eine Bürgermeisterin, die städtische Weinpräsente streicht. Die Logik des Cancelns ist nicht die der Wahrheit, sondern die der Beharrlichkeit. Und der Wein verhält sich dazu wie die US-Gesellschaft zur Absetzung ihrer Unterhaltung: man zuckt mit den Schultern, hofft, dass es einen nicht trifft – und kriecht unter die Decke.
Diese Resignation ist unser größter Fehler. Wir haben die Debatte über Wein längst aus der Hand gegeben: Gesundheit? Besetzen andere. Klima? Besetzen andere. Stadtgesellschaft, Nachtkultur, Gastronomie? Besetzen andere. Der Wein, der sich in tausend Jahren als zivilisatorische Technik bewährt hat – als Ritual der Gemeinschaft, Maßhalten, Rhythmus – wird zum Sündenbock einer moralischen Buchführung, die nur Debet (die „Sollseite“ Anm. der Redaktion) kennt. Wer glaubt, Verbände würden das für uns klären, irrt. In Deutschland erst recht: zu langsam, zu konfliktscheu, zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Wer schützt die Weinkultur? Niemand, wenn wir es nicht selbst tun.
Die gute Nachricht: Es gibt eine Gegenstrategie. Sie beginnt nicht mit Jammern, sondern mit Angebot. Moderne statt Nostalgie. Leichtere Weine, die nicht banal sind. Schlanke Rotweine mit Biss statt 16,5-Prozent-Bomben für die Alte-Männer-Nische. Flaschen, die Recycling nicht behaupten, sondern beweisen – leichteres Glas, Kreislauflaschen, Mehrweg dort, wo es geht. Transparenzetikett statt Weinfibel: was drin ist, wie viel Alkohol, welche Klimabilanz – ohne ideologisches Trommelfeuer, dafür nüchtern, prüfbar, verlässlich. Der Wein darf den ersten Schritt machen: Er bietet Mäßigung an, bevor der Ruf nach Maßlosigkeit laut wird.
Zweitens: Allianzen. Wer auf Verbände hofft, wie erwähnt, hofft vergebens. Also schließen sich Winzer mit Winzern zusammen – regional übergreifend, jenseits von Stilgrenzen. Dazu Gastronomie, Kulturhäuser, Festivals, Buchhandlungen, Fußballvereine. Wein wieder im Quartier, nicht nur in der Prestige-Verkostung. Ein gemeinsamer Jahreskalender der offenen Keller und offenen Küchen, nach klaren Regeln: verantwortungsbewusste Ausschankmengen, Wasser gratis, Heimweg-Kooperationen mit Taxi und ÖPNV. Nicht als moralische Läuterung, sondern als urbane Höflichkeit.
Drittens: Sprache. Wein braucht ein neues Vokabular der Öffentlichkeit. Weg von „Verführung“, „Sünde“, „Laster“ – das spielt der Abstinenz-Rhetorik in die Hände. Hin zu „Kultur mit Geschichte“, „Gemeinschaft“, „Handwerk“, „Zeit“. Ein knapper Kodex, den jeder Betrieb an die Tür hängt: Wir schenken maßvoll aus. Wir bilden aus. Wir zahlen fair. Wir recyceln. Wir reden ehrlich über Alkohol. Wir dulden keine Tricks. Dieser Kodex ist kein PR-Feigenblatt, sondern ein Vertrag mit den Konsumenten.
Viertens: Taktik. Canceln ist organisiert, also organisieren wir auch. Ein kleines, dezentrales Response-Team aus Kommunikatoren, Winzern, Ärztinnen, Juristen. Wenn morgen die Zeitung XY behauptet, Wein sei per se tödlich, liegt übermorgen eine faktenbasierte, nicht belehrende Replik vor – kurz, zitierfähig, frei verwendbar. Wenn eine Stadt ihr Stadtfest „alkoholfrei“ erklärt, gibt es einen Gegenentwurf: Wein als kulinarisches Kulturprogramm mit klaren Schutzräumen. Wenn eine Schule Präventionswoche macht, bieten wir an, über Landwirtschaft, Hefen, Zucker, Gärung und Verantwortung zu sprechen – Wissen statt Panik.
Fünftens: Ökonomie. Ja, die Branche wird schrumpfen. Das ist kein Weltuntergang. Schrumpfen kann bedeuten: weniger Volumen, mehr Qualität; weniger Tonne Glas, mehr Inhalt. Aber Schrumpfen ohne Solidarität ist Zersetzung. Also: gemeinsame Logistik (Rückführungen, Mehrweg), gemeinsame Beschaffung (leichte Flaschen, erneuerbare Energie), ein Solidar-Topf für Betriebe, die umstellen und dabei Ertrag verlieren. Konkurrenz bleibt, doch sie hört auf, tribal zu sein.
Sechstens: Produkt. Der Wein der nächsten Dekade ist präzise, nicht plump; kühl, nicht kalt; trinkig, nicht dünn. Er kennt 10,5 bis 13,0 Volumenprozent als Norm, nicht als Ausnahme. Er basiert auf Landwirtschaft, die Wasser, Boden, Biodiversität ernst nimmt – nicht, um Zertifikate zu sammeln, sondern um Zukunft zu sichern. Und er akzeptiert Vielfalt: Still, perlend, dezent entalkoholisiert, wenn sauber gemacht. Nicht alles für jeden, aber Gutes für viele.
Siebtens: Bühne. Wein muss zurück in die Öffentlichkeit – sichtbar, aber nicht laut. Kollaborationen mit Musik, Literatur, Design. Kurze, kluge Formate: 45-Minuten-Tastings, die ein Thema wirklich erklären. Pop-up-Weinläden, die nur drei Weine führen und dafür ihre Geschichten kennen. Ein Preis, der nicht den teuersten Wein auszeichnet, sondern den klarsten Gedanken: beste Trinkigkeit bei geringstem Fußabdruck.
Das Gegenmodell zur stillen Resignation ist nicht der heroische Aufstand, sondern das stabile, wiederholbare Handeln vieler. Jeden Monat ein kleiner Schritt, sichtbar dokumentiert. Steter Tropfen höhlt den Stein – auch in unsere Richtung. Wer Wein canceln will, soll auf Widerstand treffen: höflich, sachlich, unermüdlich. Keine Kultur hat je überlebt, indem sie sich entschuldigte, dass sie existiert.
Ich fordere deshalb: Hört auf zu hoffen, fangt an zu handeln. Formt neue Bündnisse, weil die alten Strukturen es nicht tun. Reduziert Alkohol, ohne Charakter zu verlieren. Spart Gewicht, ohne Würde einzubüßen. Sprecht klar, bevor andere über euch sprechen. Und wenn ihr unter die Decke kriechen wollt, dann nur, um sie abzuziehen und daraus eine wehzendec Fahne zu machen. Wein ist kein Laster, das man heimlich duldet. Wein ist eine Kulturtechnik. Wer sie preisgibt, wird am Ende nicht nur den Wein verlieren, sondern die Fähigkeit, Kultur zu halten – im Trinken, im Debattieren, im Leben.

