(Manfred Klimek / Björn Grebner)
Der gestrige Nachmittag bei Gerhard Kracher in Illmitz war ein wunderbarer Moment. Nicht pathetisch, sondern bemerkenswert nüchtern – und gerade deshalb von einer stillen Wucht, voll positiver Energie (die wir in Zeiten wie diesen dringend brauchen).
Gerhard Kracher ist 44 Jahre alt. Mit 23 übernahm er das Weingut nach dem Tod seines Vaters Alois Kracher, jenes Ausnahmewinzers, der das Burgenland mit Süßwein international neu vermessen hatte und dafür von Robert Parker mehrfach mit 96 bis 100 Punkten ausgezeichnet wurde. Ein Erbe, an dem man auch zerbrechen kann. Kracher junior tat das Gegenteil. Er hielt inne, hörte zu; und arbeitete – zunächst gemeinsam mit seinem Großvater und seiner Mutter, später mit seiner hanseatischen Frau Yvonne Kracher, mit der er parallel einen bedeutenden internationalen Weinhandel aufbaute – an einer neues Struktur. Süßweine on top, neue Weiß- und Rotweine: auch mit Partner, auch im Ausland. Kein Bruch, sondern eine Erweiterung. Keine Distanzierung vom Mythos, sondern eine intelligente Fortschreibung.
Der wichtigste Wein dieses Besuchs kam folgerichtig zuerst ins Glas: die Grande Cuvée 2005, jener Süßwein, der Parker einst zu magischen 100 Punkten verleitete. Auch heute, zwei Jahrzehnte später, wirkt dieser Wein nicht monumental, sondern saftig-samtig kontrolliert. Dichte ohne Schwere, Süße ohne Trägheit, ein inneres Gerüst aus gering Säure und gering Salz, das den Wein aber gewichtig trägt, statt ihn banal auszustellen.
Dass Kracher längst mehr kann als Süßwein, zeigt der Pinot Gris Reserve 2022. Trocken, straff, kühl geführt, mit jener Ernsthaftigkeit, die Grauburgunder in Mitteleuropa so selten erreicht. Kein Fett, kein Schmeicheln, sondern Struktur, Länge, Substanz. Maximal delikat und wieder dieser Seelacken-Salzton, den die Böden hier von den kleinen Salzseen mitbekommen.
Ähnlich konsequent die trockene Cuvée K aus Welschriesling, Chardonnay und Scheurebe: ein Wein, der nicht jeden gefallen will, dann aber intelektuell auch die populistische, rustikale Karte spielt – verantwortlich dafür: die Scheurebe Vielschichtig, spannungsvoll, mit einer inneren Dynamik, die klar macht, dass hier jemand Wein als präzises Handwerk versteht – nicht als Stilzitat. Und trotzdem nicht überfrachtet – Saufwein pur.
Besonders aufschlussreich war der Chardonnay St. Georg 2022 aus dem Leithagebirge, entstanden in Zusammenarbeit mit Aldo Sohm. Sohm, ein Sohn Tiroler Herkunft, internationaler Top-Sommelier, lebt und arbeitet seit Jahren in den USA und hat dort wesentlich dazu beigetragen, europäischen Wein jenseits folkloristischer Zuschreibungen zu etablieren. Dieser Chardonnay trägt diese Doppelperspektive in sich: burgundische Präzision, kalkige Spannung, amerikanische Klarheit im Ausdruck. Ein Wein ohne regionale Pose, aber mit Herkunft – und damit vielleicht einer der zeitgemäßesten Weine des Hauses.
Dass Kracher das Süße nicht als musealen Teil der Vergangenheit versteht, zeigt der Eiswein Liliac & Kracher 2023 aus Rumänien. Muskat Ottonell, Mädchentraube, Traminer – aromatisch gedacht, aber präzise umgesetzt. Kein exotischer Zuckercocktail, sondern ein Wein mit innerer Ordnung. Ebenso der Rosenmuskateller 2022, jene Sorte, die die Krachers einst aus Südtirol ins Burgenland „importierten“ (besser gesagt: ins Land schmuggelten). Hier zeigt sich, wie sehr Tradition manchmal schlicht die Summe mutiger Entscheidungen ist.
Am Ende des Nachmittags kam die Geschichte zur Sprache, die alles zusammenbindet: die legendäre Verkostung von 1988 in London. Ein bis dahin völlig unbekannter Alois Kracher stellte seine Weine neben Château d’Yquem, den berühmtesten Süßwein der Welt – und gewann. Kein Marketingtrick, sondern Überzeugung. Diese Verkostung werden wir, Gerhard Kracher und ich, in diesem Jahr neu auflegen. Für die WELT am SONNTAG. Nicht aus Nostalgie, sondern aus Aktualität.
Denn was Kracher heute zeigt, ist mehr als ein Weingut mit Geschichte. Es ist ein Betrieb, der verstanden hat, dass Größe nicht im Festhalten liegt, sondern im Weiterdenken. Und dass Süßwein – richtig gemacht – kein Anachronismus ist, sondern ein Prüfstein für Präzision, Geduld und intellektuelle Redlichkeit im Weinbau.

