(Manfred Klimek / Redaktion)
Naturweine brauchen keinen Rechtfertigungstext mehr. Sie brauchen Kontext. Und genau den liefert Mähren derzeit wie kaum eine andere Region Europas. Zwischen Znaim/Znojmo, Mikulov und den Hügeln der Kraví Hora entsteht seit gut zehn, fünfzehn Jahren eine Weinlandschaft, die nicht aus Protest gegen herkömmliche, industrielle Weine geboren wurde, sondern aus dem Verlangen nach Präzision des Neuen, Neugier und erstaunlicher Trinkfreude. Naturwein nicht als Gegenmodell, sondern als wirklich ganz eigenes Ding.
Zwei Namen stehen exemplarisch dafür: Milan Nestarec und Martin Vajčner.
Milan Nestarec ist längst eine feste Größe in der internationalen Naturweinszene – wegen seiner Kleterkonsequenz. Nestarecs Weine wirken oft spielerisch, manchmal fast ironisch, doch im Glas sind sie bemerkenswert ernsthaft. Reduktion im Keller, alte Reben, viel Zeit, kaum Eingriffe. Was dabei entsteht, sind Weine mit innerer Spannung, die weniger über Frucht sprechen als über Textur, Temperatur und Energie. Der grandiose TRBLMKR 2021 etwa (100% Neuburger, in manchen Jahren auch Malvasia gering mit in der Cuvée) – das weiße Etikett, bewusst nüchtern – steht genau dafür: kein Behaupten, kein Erklären, sondern ein bemerkenswert eigenständiger Wein mit dem begehrenswerten Coche-Dury-Schnalzer am Gaumen. In der Nase gering Almdudler, dann Ginster, Quitte, gering Steinobst, sehr gering, aber da: Weihrauch, mehr Himbeere, etwas Gelbwurz, etwas Duft auch nach Raulederstiefeln. Im Mund unfassbar trinkfreudig. Kritiker beschreiben Nestarecs Stil oft als „glou-glou mit Tiefgang“ – ein Begriff, der ihm eigentlich zu kurz greift. Seine Weine sind bekömmlich – aber das macht sie null beliebig. Sie fordern Aufmerksamkeit, nicht Zustimmung.
Martin Vajčner arbeitet deutlich kleiner, persönlicher, fast still. Seine Weine – etwa der Veltliner Znojmo–Kraví Hora 2023 mit dem schwarzen Etikett – zeigen, wie klar diese Region denken kann, wenn man sie lässt. Kraví Hora, wörtlich der „Kuhberg“, ist kein spektakulärer Name, aber eine präziser Lage: kühle Nächte, Wind, kalkige Böden. Vajčners Veltliner trägt das ohne Pathos. Kein österreichisches Abziehbild, kein aromatisches Überzeichnen, sondern etwas Eigenständiges: straff, salzig, mit einer Würze, die eher an Kräuterstängel und nassen Stein erinnert als an das typische Veltliner-Pfefferl. Naturwein ohne Trübung als Programm, ohne dramatische Oxidation als Pose. International wird Vajčner zunehmend als einer jener Winzer wahrgenommen, die zeigen, dass „low intervention“ nicht automatisch „high volatility“ bedeutet.
Was beide verbindet, ist weniger eine Stilistik als ein Zugang: Rebsorten treten zurück, der Ort tritt vor. Viele Betriebe in Mähren arbeiten inzwischen mit PIWIs – pilzwiderstandsfähigen Rebsorten, gezüchtet, um Pflanzenschutz drastisch zu reduzieren. Anders als in manch anderer Region werden alle Sorten hier nicht aromatisch aufgeladen, sondern bewusst gezügelt. Das Ergebnis sind Weine mit überraschender Ruhe, oft kühl, manchmal spröde, fast immer animierend. Genau deshalb funktionieren sie gastronomisch so gut – und genau deshalb sind sie körperlich so wenig ermüdend.
Mähren ist keine zwingend romantische Weinregion – da gleicht sie dem angrenzenden österreichischen Weinviertel. Mähren ist eine Werkstatt. Und vielleicht gerade deshalb derzeit eines der interessantesten Labore für etablierte Naturwein in Europa: weniger Ideologie, mehr Trinkfluss. Weniger Pose, mehr Präzision. Nestarec und Vajčner sind keine Ausnahmen – sie sind Nachwehen und Vorboten zugleich.

