(Manfred Klimek / WELT am SONNTAG)
Die deutschen Weintrinker kennen ihre traditionell wertvollen Weinbaugebiete, also Mosel, Rheingau, den Roten Hang in Rheinhessen, die weitläufige und multidiverse Pfalz, die schönen Hänge nahe Radebeul bei Dresden und ein bisschen auch Baden – dort vor allem den riesigen Rebhügel Kaiserstuhl. Doch ganz tief im tiefsten Südwesten Deutschlands, nicht wenige Kilometer unterhalb des Kaiserstuhls und eingekeilt zwischen Frankreich, der Schweiz und dem Schwarzwald, liegt ein Weinbaugebiet, das mit dem traditionellen Bild des deutschen Weinbaus nur wenig gemein hat: das weithin unbekannte Markgräflerland. Der Schwarzwald schickt in den Abendstunden kühle Luft in die Weinberge, der Oberrhein speichert die Wärme des Tages, das Elsass liegt oft nur wenige Minuten Autofahrt entfernt – und dennoch schmecken die Weine dort fundamental anders als auf der deutschen Seite des Rheins
Der Grund des Andersartigen ist die führende weißen Rebsorte des Markgräflerlandes: der Chasselas. Keine Rebsorte passt besser in unsere Zeit: moderate Alkoholwerte, eine feine florale Aromatik, oft begleitet von Haselnuss und Mandeln, dazu eine unerschütterliche Bekömmlichkeit am Gaumen.
Das Weingut Blankenhorn in Schliengen markiert mit auch das absolut südwestlichste Ende des deutschen Weinbaus – ein paar Minuten Autofahrt und man steht an der Schweizer Grenze. Hinter der Grenze, in der Schweiz, keltern auch ein paar interessante Winzer, doch danach ist schnell Schluss mit dem Weinbau.
Bei Blankenhorn zeigen sie massiv eindrucksvoll, welches Potenzial in dieser Region steckt. Seit Martin Männer den Betrieb aus einem Familienanteil übernommen und geformt hat (incl. eines spektakulär schönen Neubaus mit genügend Platz und einer Profiküche für gastronomische Events), wird hier mit großer Konsequenz gearbeitet. Kein Wein ist banal oder modisch, kein Wein versucht Trends hinterherzulaufen. Der Keller ist hochmodern, der Kellermeister Christoph Fischer ist jene Art in sich gekehrter Tüftler, der mit Martin Männer einen Chef gefunden hat, der genau weiß, dass dieses Tüfteln auch Freiheit braucht: eine Freiheit, die er auch in wirtschaftlich anspruchsvollen Zeiten wie jenen jetzt finanzieren muss. Die Handschrift der Blankenhorn-Mannschaft ist geprägt von Präzision, Geduld und einem bemerkenswert analytischen Verständnis für das, was Wein heute leisten soll. Und es ist eine Handschrift, die sich dadurch bemerkbar macht, dass die Kelterkultur des Guts den Faktor Erkennbarkeit inkludiert. Soll heißen: Blankenhorn-Weine hinterlassen genug Geschmack und Aroma, um sie jederzeit als Blankenhorn-Weine wiederzuerkennen.
Schon der Ortswein Schliengen-Chasselas 2024 (€ 13,50) beweist, dass große Trinkfreude keine überbordende Geste braucht: Marille, gering Lorbeerblatt, etwas Wiesenkräuter, massiv lecker im Schluck. Der Erste-Lage-Chasselas „Schlienger Kirchberg Le Clocher 2022“ (€ 22,50) legt an Tiefe und Salzigkeit zu, ohne seine spielerische Eleganz einzubüßen. Genau darin liegt seine Größe, liegt die Größe des Kellermeisters, der den Weinen eine Art popkulturelle Relevanz gibt – Weine wie Ohrwürmer zwischen Beatles und Oasis.
Auch der Große-Lage-Chardonnay aus dem Sonnenstück (Jahrgang 2021, € 35,00) zeigt jene kontrollierte Kraft, die man heute immer seltener findet – und beweist noch dazu wie eigen elegant dezenter Holzeinsatz sein kann. Druck am Gaumen, aber kein Gramm Übergewicht. Der Cabernet Sauvignon-Merlot „Postillon“ aus 2021 (€42,00) ist ein kurioser, absolut gelungener Bordeaux aus Deutschland, der klar macht: wir können auch das – auch wenn kein Hahn danach kräht. Besonders beeindruckend ist schließlich der Crémant Réserve Brut Nature (€ 35,00), der nach 72 Monaten Hefelager eine Präzision entwickelt, die man in dieser Preisklasse nur selten erlebt – erkennbar deutscher Schaumwein mit erkennbar weltläufiger Stilistik. Besser geht schwer.

