(Claude Auguste)
Mit Guy Bonnefoit hat ein Mensch die Weinwelt verlassen, der heute wie ein Relikt aus einer anderen Epoche wirkt. Nicht, weil seine Arbeit veraltet wäre – im Gegenteil. Sondern weil die Welt, in der sie entstand, eine andere war: eine Zeit, in der Wein nicht als Lifestyle-Accessoire oder moralisches Problem diskutiert wurde, sondern schlicht als das, was er über Jahrhunderte fast alleine gewesen war: gemeinsam mit Wasser ein Begleiter des Essens.
Bonnefoit verstand Wein genau so, nur so: als Teil von Mahlzeiten, als Begleiter von Speisen. Und er war zwar nicht der Erfinder des Pairings, jedoch jener, der tausende Kombinationen niederschrieb und so der Archivar der Sommelierschulen der 70er- und 80er-Jahre wurde
Geboren 1938 in Paris, lebte und arbeitete er später lange in Deutschland. Seine Karriere führte ihn durch die klassische Schule der europäischen Hotellerie: Restaurants, Hotels, Küchen, Weinkeller. Dort lernte er, was viele heutige Weinexperten kaum noch lernen: Wein nicht nur zu beschreiben, sondern ihn am Tisch zu denken.
In der Gastronomie der Nachkriegsjahrzehnte gehörte diese Fähigkeit zum Handwerk. Sommeliers, Restaurantdirektoren und Küchenchefs suchten nicht den spektakulärsten Wein, sondern den richtigen Wein zum richtigen Gericht. Wein war Teil einer Dramaturgie, nicht Selbstzweck. Und Guy Bonnefoit beherrschte diese Kunst meisterhaft.
Wer ihn erlebte, erinnert sich an eine erstaunliche Präzision der Wahrnehmung. Aromen waren für ihn keine poetischen Metaphern, sondern ein Vokabular. Er sprach über Wein, als beschreibe er ein Musikstück: strukturiert, analytisch, manchmal fast streng – und doch immer mit einem feinen Humor, der seine französische Herkunft nie ganz verbarg.
Diese Haltung kulminierte in zwei monumentalen Büchern, die heute fast wie enzyklopädische Zeitmaschinen wirken. Darin katalogisierte Bonnefoit tausende Weine, analysierte ihre Aromatik und – entscheidend – stellte ihnen passende Speisen zur Seite. Das mag simpel klingen. Tatsächlich ist es eine intellektuelle Großleistung.
Denn die Kombination von Wein und Essen ist kein starres Regelwerk, sondern ein sensibles Spiel von Säure, Fett, Salz, Textur und Temperatur. Bonnefoit behandelte dieses Spiel mit einer Ernsthaftigkeit, die an naturwissenschaftliche Forschung erinnerte – und zugleich mit der Gelassenheit eines Mannes, der wusste, dass Genuss am Ende immer auch eine Frage der Freude bleibt.
Wer heute durch Bonnefoits Bücher blättert, unternimmt eine Reise in eine Welt, die es so kaum noch gibt: die Welt der klassischen Gastronomie, in der Menüs komponiert wurden wie kleine Symphonien und der Wein nicht isoliert im Glas stand, sondern am Tisch seinen Platz hatte. Diese Kultur hat sich verändert.
Heute wird Essen politisiert, Fleisch moralisiert, Alkohol problematisiert. Der Wein erscheint in öffentlichen Debatten oft als Teil eines gesundheitlichen oder ideologischen Konflikts. Die große gastronomische Schule, aus der Bonnefoit kam – jene elegante Verbindung von Küche, Keller und Service – ist vielerorts leiser geworden. Oder ganz verschwunden. Gerade deshalb wirken Bonnefoits Bücher heute so bemerkenswert, denn Sie erinnern daran, dass Wein einmal etwas anderes war als ein Lifestyleprodukt oder ein moralischer Diskussionsgegenstand. Er war Teil einer Kulturtechnik: Menschen saßen zusammen, aßen, tranken, diskutierten – und der Wein verband alles miteinander. Und Guy Bonnefoit verstand diese Verbindung besser als die meisten.
Er verkostete in seinem Leben zehntausende Weine, doch seine eigentliche Leidenschaft galt nie der bloßen Bewertung. Ihn interessierte der Moment, in dem ein Wein und ein Gericht sich plötzlich gegenseitig zum Leuchten bringen – jener Augenblick, den gute Sommeliers kennen, wenn am Tisch kurz Stille entsteht, weil plötzlich alles zusammenpasst. Bonnefoit fand: In solchen Momenten liegt die eigentliche Wahrheit des Weins.
Guy Bonnefoit hat sein Leben damit verbracht, diese Momente zu suchen, zu erklären und aufzuschreiben. Dass seine Bücher bis heute gelesen werden, liegt daran, dass sie mehr sind als Weinführer. Sie sind Dokumente einer Kultur des Genusses, die zunemend verloren geht. Vielleicht wird man sie eines Tages wieder neu entdecken. Denn Wein, so wusste Guy Bonnefoit, hat seinen natürlichen Ort nicht im Verkostungsraum und nicht im Internet.
Er hat ihn am Tisch.

