(Manfred Klimek / animated pic: runwayml)
(Unter diesem Artkel finden Sie einen Link zu einem Adi-Werner-Portrait auf KALK & KEGEL von Joachim Heidersdorf)
Adi Werner wurde am 11. März 90 Jahre alt. Und mit ihm wird eine Form von Gastgebertum sichtbar, die heute seltener geworden ist: der Patron alten Schlages. Einer, der nicht moderiert, sondern bestimmt. Der nicht begleitet, sondern prägt. Und der seine Häuser nicht nur führt, sondern ihnen seinen Charakter einschreibt.
Werner hat den Arlberg über Jahrzehnte mitgestaltet. Aus dem Hospiz und später der Hospiz Alm wurde unter seiner Regie mehr als ein Hotelbetrieb – es wurde ein Ort der Inszenierung. Luxus, Gesellschaft, Wein, Unterhaltung: alles gleichzeitig, alles mit Nachdruck. Wer hier einkehrte, war nicht einfach Gast, sondern Teil einer Dramaturgie, die klar vom Hausherrn bestimmt wurde.
Die Biografie ist bekannt: vom Liftboy zum Patron, über Stationen in Bad Gastein, Venedig, Lausanne, später international tätig, dann zurück am Arlberg, wo er 1964 gemeinsam mit seiner Frau Gerda das Hospiz übernahm. Es ist die klassische Aufstiegserzählung der Nachkriegszeit – nur dass Werner sie sehr sichtbar lebte.
Sein Verständnis von Gastgeberschaft war eindeutig: Präsenz, Nähe, Einfluss. Werner war keiner, der sich zurücknahm. Er setzte sich an Tische, sprach Gäste direkt an, griff ein – auch ins Glas. Seine bekannte Devise, Geld zum Fenster hinauszuwerfen, damit es zur Tür wieder hereinkommt, war weniger Spruch als Methode. Großzügigkeit als Strategie, Charme als Werkzeug, Wein als Hebel.
Diese Form der Führung war wirkungsvoll, aber auch klar hierarchisch. Der Patron entschied. Der Rest folgte. Dass dieses Modell funktionierte, lag an der Zeit – und an Werner selbst. Heute würden wir es vermutlich kritischer sehen.
Zwei Dinge haben sein Werk besonders geprägt: die Bruderschaft St. Christoph und der Wein.
Die Bruderschaft, eine karitative Organisation mit langer Geschichte, wurde unter seiner Mitwirkung zu einer bedeutenden Institution ausgebaut. Über 20 Millionen Euro an Hilfen für Familien sprechen für sich. Hier zeigt sich eine andere Seite dieses Systems: strukturiert, langfristig, wirksam – und karitativ.
Beim Wein hingegen ging es um mehr als Qualität. Werner verstand früh, dass Wein auch Inszenierung ist. Ende der 1970er-Jahre begann er, Bordeaux zu sammeln – zunächst gegen Widerstände, später mit wachsendem Erfolg. Großflaschen wurden zum Markenzeichen. Nicht nur, weil sie besser reifen, sondern weil sie Eindruck machen.
Heute umfasst die Sammlung rund 3500 Großformate (!), bis zu 27 Liter, überwiegend aus Bordeaux. Cheval Blanc, Latour, Margaux, Yquem – Namen, die nicht nur für Wein stehen, sondern für ein System von Prestige. Werner hat dieses System nicht erfunden, aber er hat es am Arlberg konsequent umgesetzt.
Die vor drei Jahren eröffnete „Weinwelt“ führt diese Logik fort – nur größer. Der Weg führt hinab, nicht hinauf. Rutschbahn, Fotowände, Inszenierung. Der „Wine Dome“ bildet den Höhepunkt: ein Raum, der weniger Keller als Bühne ist. Hunderte Großflaschen, Licht, Architektur, ein zentraler Tisch. Man kann das beeindruckend finden. Oder überinszeniert. Beides ist möglich.
Hier wird Wein nicht versteckt, sondern gezeigt. Und zwar so, dass er wirkt.
Diese Form des Umgangs mit Wein entspricht einer Epoche, in der Größe ein Wert an sich war. Heute hat sich das verschoben. Herkunft, Präzision, Reduktion sind wichtiger geworden als Geste und Volumen. Der Kult um Bordeaux-Großflaschen wirkt aus dieser Perspektive fast wie ein Gegenentwurf zur Gegenwart.
Und doch: Das System Werner hat funktioniert. Über Jahrzehnte. Es hat Gäste gebunden, Umsätze generiert und den Arlberg international positioniert. Es hat Wein für viele Menschen zugänglich gemacht – wenn auch in einer Form, die stark von Status und Inszenierung geprägt war. Werner selbst ist bis heute präsent, auch ohne operative Funktion. Eine Figur, die geblieben ist, während sich die Branche verändert hat.
Man kann ihn als Grandseigneur sehen. Oder als letzten Vertreter eines Modells, das so heute kaum mehr entsteht. Wahrscheinlich ist er beides. Sein Lebenswerk verdient Anerkennung. Aber es erzählt auch von einer Zeit, die nicht mehr ganz die unsere ist.

