(Claude Auguste / Manfred Klimek – Redaktion / Foto: Messe Düsseldorf)
Es beginnt mit einer Zahl, die in der Weinwelt wie ein Menetekel wirkt, aber keines sein muss: Zwischen 2023 und 2026 ist die Prowein von 13 auf 7 Hallen geschrumpft. Und selbst diese sieben Hallen wirken nicht mehr wie einst – zwei davon sind inzwischen von Spirits besetzt. Die größte Weinmesse der Welt, so nannte man sie noch vor wenigen Jahren, ist heute sichtbar kleiner geworden. Auch der Besucherandrang hielt sich in diesem Jahr in Grenzen. Kein Gedränge, kein Drängen und Schieben, kein Gefühl mehr, Teil eines überdimensionierten Jahrmarkts zu sein.
Und doch. Vielleicht beginnt genau hier eine neue Geschichte.
Wer durch die Hallen ging, spürte rasch: Die Abwesenheit der Masse ist keine Leere, sondern ein Raum. Ein Raum für Gespräche. Für Blicke, die nicht sofort weiterziehen müssen. Für das, was Wein eigentlich immer war – Austausch.
Erstmals seit Jahren standen auch bei großen Winzern und Verbänden keine Menschentrauben mehr. Ich kam ins Gespräch, ohne mich anzustellen zu müssen – ohne zu warten. Ich konnte Fragen stellen – und bekam nicht in einer Gruppe, sondern als Einzelperson Antworten, die über das übliche Repertoire hinausgingen. Es ging nicht nur um Jahrgänge und Punkte, sondern um Entscheidungen, Zweifel, Richtungen. Um um Wein. Um Wein, um Wein, um Wein. Ohne Jammern über die sicher unerfreulichen Zustände der Branche.
Plötzlich geschah mir etwas, das man auf dieser Messe lange nicht mehr erlebt hatte: Zeit zu haben. Zeit, um stehen zu bleiben. Zeit, um zuzuhören. Zeit, um nachzufragen. Zeit, um Kontakte zu knüpfen, die mehr waren als ein schneller Handschlag.
Mailadressen wurden ausgetauscht – nicht als Formalität, sondern als Einladung. Und die erstaunliche Beobachtung: Antworten kamen. Oft innerhalb von 24 Stunden. Winzer, die sich wieder Zeit nehmen. Für Händler, für Gastronomen – und zunehmend auch für interessierte Endkunden, die diese neue Offenheit spüren und zu schätzen wissen.
Es war eine andere Prowein. Eine ruhigere. Eine konzentriertere.
Wir waren mehr unter uns. Und gerade das öffnete neue Türen. Gespräche mit Menschen, denen man in den Jahren zuvor nie begegnet wäre, weil der Strom sie einfach weitergetragen hätte. Dieses Jahr blieb man stehen. Traf sich. Sprach länger.
Und ja – auch das gehört zur Wahrheit: Der berüchtigte „Almauftrieb“, dieses abendliche, oft taumelnde Spektakel der Branche, schien deutlich gedämpft. Weniger Lärm, weniger Pose, weniger Selbstinszenierung. Dafür mehr Substanz. Die Prowein verliert vielleicht an Größe. Aber sie gewinnt an Nähe.
Das ihre Zukunft: keine Messe mehr für die große Geste, sondern für jene, die Wein wahrlich ernst nehmen. Für Winzer, die erzählen wollen. Für Händler, die zuhören. Für Gastronomen, die suchen. Und für Weintrinker, die verstehen wollen, was sie im Glas haben. Bittere Pille: Viele kleine Winzer, die sich die Prowein nicht mehr leisten konnten, blieben weg. Und viele ausländische Winzer auch, welchen die Prowein in den letzten Jahren wohl zuwenig brachte. Die Zeiten der überfüllten Hallen und schnellen Deals mögen vorbei sein. An ihre Stelle tritt etwas anderes: eine Form von Intimität, die in dieser Branche lange gefehlt hat.
Wenn das der Preis für den Verlust von Größe ist, dann ist es ein guter Preis.
In diesem Sinne: weiter so!

