(Gerhard Retter / pic: Manfred Klimek)
Wir reden beim Wein über fast alles. Über Böden und Gesteine, über Schiefer, Kalk, Löss oder Vulkan. Über spontane Vergärung, große Holzfässer, lange Hefelager und jene berühmte Mineralität, die jeder beschreibt und niemand wirklich erklären kann.
Über Wasser sprechen wir erstaunlich selten.
Vermutlich gerade deshalb, weil Wasser in Mitteleuropa über Generationen selbstverständlich war. Wer in Österreich oder Deutschland aufwuchs, lernte Wasser nicht als kostbares Gut kennen. Wir drehten den Wasserhahn auf, und es war da: kühl, sauber, verlässlich. Auch der Weinbau lebte lange in dieser Gewissheit. Regen kam. Mal mehr, mal weniger. Aber meistens ausreichend.
Diese Gewissheit verschwindet gerade.
Nicht so spektakulär wie notwendig. Niemand wird morgens aufwachen und feststellen, dass plötzlich keine Trauben mehr wachsen. Der Wandel geschieht viel leiser. Er beginnt in einzelnen Parzellen, bei jungen Reben, auf flachgründigen Böden oder steilen Terrassen. Er zeigt sich auch in jenen Jahren, in welchen es statistisch genug geregnet hat, die Reben aber trotzdem unter Trockenstress geraten. Denn entscheidend ist längst nicht mehr, wie viel Wasser innerhalb eines Jahres fällt. Entscheidend ist, wann es fällt, wie schnell es versickert und ob der Boden überhaupt noch in der Lage ist, es zu speichern. Im schlimmsten Fall, bei Starkregen, spült es notwendige, fruchtbare Erdschichten weg. Und über Wasser in Hagelkörner gebunden, müssen wir erst gar nicht zu reden beginnen.
Der Weinbau in Deutschland und Österreich gehörte die letzten dreißig Jahre über zu den Gewinnern der Erwärmung. Riesling reifte zuverlässiger, Rotweine erreichten Qualitäten, die früher nur in Ausnahmejahren möglich waren. Viele Winzer erinnerten sich an Jahrzehnte, in denen sie bis tief in den Herbst auf Sonne hofften und bangten, ob die Trauben überhaupt ausreifen würden. Diese Sorge ist vielerorts verschwunden.
An ihre Stelle ist eine andere getreten.
Hitze allein bringt noch keinen großen Wein hervor. Irgendwann kippt der Vorteil. Aus früher Reife wird Überreife. Aus trockenen Herbsten werden trockene Frühjahre. Die Rebe schaltet auf Überlebensmodus, die Photosynthese verlangsamt sich, Blätter vertrocknen, junge Anlagen kämpfen ums Überleben und selbst alte Rebstöcke zehren von ihren Reserven.
Die romantische Vorstellung, große Weine entstünden nur aus leidenden Reben, gehört deshalb ins Reich der Weinmythen. Eine Rebe darf gefordert werden. Sie muss Wurzeln bilden, sie soll nicht bequem wachsen. Aber sie darf nicht verdursten.
Besonders deutlich zeigt sich das in Österreich. Das Land verfügt zwar insgesamt über enorme Wasserreserven, doch die wichtigsten Weinbaugebiete liegen ausgerechnet dort, wo Niederschläge oft knapp sind: im Weinviertel, im Burgenland, in Carnuntum oder der Thermenregion. Der nationale Durchschnitt hilft einer Rebe im Seewinkel wenig.
Im Burgenland beginnt die Zukunft des europäischen Weinbaus bereits heute. Schotter- und Sandböden verlieren Wasser rasch. Alte Reben besitzen einen Vorteil, weil ihre Wurzeln tief reichen. Junge Anlagen haben diesen Luxus nicht. Gleichzeitig konkurrieren Weinbau, Landwirtschaft, Tourismus und empfindliche Naturräume um dieselben Ressourcen. Wasser wird dadurch nicht nur zur Frage guter Landwirtschaft, sondern auch zu einer gesellschaftlichen Frage.
Eine wasserrechtliche Bewilligung beantwortet sie noch nicht.
Im Weinviertel liegt die Lösung oft gar nicht im Brunnen, sondern im Boden selbst. Löss kann enorme Mengen Wasser speichern. Allerdings nur dann, wenn Regen einsickern darf. Verdichtete Böden, Erosion und offene Fahrgassen sorgen dafür, dass kostbares Wasser binnen Minuten verschwindet. Begrünung, Humusaufbau, Mulch oder eine sorgfältige Bodenpflege sind deshalb längst keine grünen Accessoires mehr. Sie entscheiden darüber, ob ein Weinberg auch in zwanzig Jahren noch funktioniert.
Ganz anders stellt sich die Lage in der Wachau, im Kamptal oder im Kremstal dar. Dort erzeugen steile Terrassen und dünne Bodenauflagen jene unverwechselbaren Weine, für die diese Regionen weltberühmt wurden. Gleichzeitig reagieren sie besonders empfindlich auf längere Trockenperioden. Ein Gewitter in Spitz oder Dürnstein sagt noch lange nichts darüber aus, wie viel Wasser einer südexponierten Steinterrasse tatsächlich zur Verfügung steht.
Selbst die Steiermark, die lange als regenreiche Ausnahme galt, erlebt inzwischen neue Probleme. Dort fehlt das Wasser häufig nicht insgesamt. Es kommt nur zur falschen Zeit. Starkregen schießt über die Hänge, nimmt Boden mit und verschwindet ebenso schnell, wie er gekommen ist. Wenige Wochen später leiden dieselben Reben unter Trockenheit.
Der Weinbau entdeckt gerade eine Erkenntnis wieder, die frühere Generationen längst kannten: nicht der Regen allein entscheidet über einen Jahrgang, sondern der Boden, der ihn festhalten kann. Und diese Böden gilt es mehr denn je zu schützen.

