(Manfred Klimek / Redaktion / animated pic: runwayml)
Es gibt kaum eine Berufsgruppe, die den Klimawandel unmittelbarer erlebt als die Winzer. Sie sehen die Vegetation nicht in Statistiken, sondern im Weinberg. Der Austrieb erfolgt früher als noch vor wenigen Jahrzehnten. Die Lese beginnt immer öfter bereits im August. Hitzewellen verändern Säurewerte, Wasserhaushalt und Aromatik. Hagel, Starkregen und Trockenperioden treten häufiger auf. Wer Wein erzeugt, arbeitet seit Jahren in einem Freilandlabor, dessen Bedingungen sich sichtbar verändern. Und das schnell.
Umso erstaunlicher ist eine Beobachtung, die mir in den vergangenen Monaten, vor allem aber in den letzten fünf Hitzetagen häufiger begegnet ist. Es gibt Winzer, die den Klimawandel bestreiten. Freilich nicht viele. Nicht mal zwei Dutzend in Social-Media-Foren. Aber doch so viele, auch in Deutschland, dass wir sie wahrnehmen sollten. Denn sie agieren.
Selbstredend dürfen sie das. In unseren Ländern herrscht, seltsam, das betonen zu müssen, Meinungsfreiheit. Und dazu gehört eben auch, dass die Mehrheit den absoluten Bullshit einer Minderheit aushalten muss (und sollte), die sich als Mehrheit erkennt (was ja alle Schwurbler tun), obwohl sie es nicht ist. Es ist dieser Anspruch, für eine Mehrheit zu sprechen, der vor allem nervt. Und aufregt. Egal!
Die meisten dieser Winzer erklären eine natürliche Klimaschwankung. Andere erklären die gegenwärtige Erwärmung zur bloßen Übertreibung der Medien. Wieder andere, leider aus der Naturweinszene, bewegen sich längst in einem Milieu, in dem Begriffe wie Geoengineering, Wettermanipulation oder geheime Eingriffe in das Klima völlig selbstverständlich verwendet werden.
Das wirkt zunächst wie edgy aus Absurdistan. Bei näherem Hinsehen ist es vor allem menschlich. Der Klimawandel ist keine abstrakte politische Debatte. Er bedeutet für Winzer zunächst wirtschaftliche Unsicherheit. Jahrzehntelang funktionierende Erfahrungen verlieren ihre Verlässlichkeit. Rebsorten geraten an Grenzen. Wasser wird zum Thema. Versicherungen werden teurer. Erträge schwanken stärker. Wer sein gesamtes Berufsleben auf Erfahrung aufgebaut hat, erlebt plötzlich, dass Erfahrung allein nicht mehr genügt.
Gerade deshalb suchen manche nach anderen Erklärungen. Nicht aus Bosheit. Nicht einmal zwingend aus Ideologie. Sondern weil Verschwörungserzählungen etwas anbieten, was die Wirklichkeit oft nicht liefert: Eindeutigkeit. Plötzlich gibt es Verantwortliche. Plötzlich existiert ein Plan. Plötzlich wird aus einer komplexen Entwicklung eine einfache Geschichte.
Das Problem beginnt dort, wo diese Geschichte mit der eigenen Arbeit kollidiert. Denn dieselben Winzer, die den Klimawandel gelegentlich in sozialen Netzwerken relativieren, investieren, ich habe nachgesehen, gleichzeitig in Bewässerung, pflanzen hitzeresistentere Unterlagsreben, verändern die Laubarbeit oder experimentieren mit neuen Rebsorten. Sie reagieren also längst auf genau jene Veränderungen, deren Existenz sie öffentlich infrage stellen.
Noch bemerkenswerter wird diese Beobachtung im politischen Bereich. Wir finden konservativ oder rechts eingestellte Winzer, die das Promblem, die Probleme, sehr wohl richtig erkennen – und folglich die Klimaideologie einer sehr rechten Partei, die sie gerne wählen würden, als Hindernis für ihre Stimme erkennen – und das sind nicht wenige. Ihre tägliche Arbeit widerspricht damit oft den politischen Erzählungen, denen sie sich verbunden fühlen. Es geht dabei weder um links noch rechts. Weder um grün noch konservativ. Es geht um die Fähigkeit, die eigene Wirklichkeit anzuerkennen. Und zu handeln. Nichts an diesem Handeln gegen die Auswirkungen des Klimawandels ist politisch!
Der Weinbau war immer dann erfolgreich, wenn er Veränderungen akzeptierte. Reblaus, Pilzkrankheiten, neue Kellertechnik, andere Rebsorten oder der biologische Weinbau wurden anfangs fast immer skeptisch betrachtet. Am Ende setzte sich nicht die Ideologie durch, sondern die Praxis. Beim Klimawandel wird es sich ähnlich verhalten. Wir können über Ursachen, Geschwindigkeit oder geeignete Maßnahmen streiten. Der Weinberg selbst interessiert sich dafür nicht. Er reagiert ausschließlich auf Wasser, Sonne und auf die Arbeit der Winzer.

