(Manfred Klimek, Redaktion, animated pic: runwayml) Es gibt eingie Karrieren, aber nicht viele, im deutschen Weinbau, die man im Rückblick fast zu glatt erzählen kann: Aufstieg, klare Linie, Erfolg – wie es in den letzten zwanzig Jahren einigen erging; vor allem in Rheinhessen. Bei Jochen Dreissigacker, der gemeinsam mit seinem kongeniale Bruder Christian das Weingut führt, wäre das zu einfach. Ich habe ihn vor bald zwanzig Jahren kennengelernt, damals noch sehr jung, mit diesem leicht ungeduldigen Charme, der mehr will, als die Umgebung gerade hergab. Rheinhessen war zu dieser Zeit vieles, aber sicher nicht der Ort, an dem man sofort an moderne, international anschlussfähige Weine dachte. Genau das hat ihn, und Weinpersonen wie Wechsler, Keller, Wittmann oder Spanier-Gillot, gereizt.
Was dann folgte, gehört zu den präzisesten Modernisierungen, die der deutsche Weinbau in den letzten zwei Jahrzehnten gesehen hat. Parallel zu Markus Schneider in der Pfalz entstand hier ein Gegenentwurf zum Altväterlichen: klare Etiketten, klare Ansprache, eine Stilistik, die nicht belehren wollte, die zu keinen endlosen Diskursen einlud, sondern schlicht schnell funktioniere. Das war kein Zufall, sondern Kalkül. Beide, Schneider und Dreissigacker, haben verstanden, dass Wein so schmecken muss, dass die Konsumenten nach einem zweiten Glas, nach einer zweiten Flasche, verlangen. Und dass da eine Generation folgt, die auch keine Geduld mehr für komplizierte Erzählungen hat. Doch komplizierte Erzählungen kamen deswegen nicht aus der Mode.
Dass Dreissigacker dabei auch optisch gut in diese Erzählung passt, hat sicher nicht geschadet. Aber ihn darauf zu reduzieren, wäre zu billig. Entscheidend war die Strategie: Wachstum, ja – aber nicht blind. Sondern gezielt dorthin, wo Sichtbarkeit entsteht: Berlin, Luxusszenegastronomie, Orte wie Grill Royal, Tim Raue, China Club. Das sind keine Zufallsstationen. Das sind Bühnen. Und Dreissigacker wusste früh, dass man dort präsent sein muss, wenn man nicht nur mitspielen, sondern mitbestimmen will.
Und dann ist da der Weißburgunder. Eine Rebsorte, die ich lange Zeit mit einem höflichen Nicken abgehandelt hatte. Nett, sauber, unauffällig. Ein Wein für die zweite Reihe. Dreissigacker hat genau darin seine Chance gesehen. Nicht, weil die Sorte spektakulär wäre, sondern weil sie es nicht ist. Man kann hier nichts verstecken. Kein großes Aromenspektakel, keine laute Geste, kein Terroirgetue. Wenn man Weißburgunder ernst nimmt, muss man präzise arbeiten. Und mit Holz. Und genau das tut er.
Die extrem süffige Weißburgunder-Chardonnay-Cuvée für fast lächerliche 15 Euro ist dafür ein gutes Beispiel. Kein großer Anspruch, keine philosophische Überhöhung. Einfach ein Wein, der prima funktioniert. Klar, unkopliziert, mt einem gewissen Druck jedoch, mit genau dem Maß an Struktur, das man braucht, um ihn nicht sofort wieder zu vergessen. Ein Saufwein im besten Sinne.
Dann der Weißburgunder aus dem Tonneau. 600 Liter Holz, sauber gearbeitet, mit einem Toasting, das nicht übertreibt aber perfekt sitzt. Hier wird es ernst. Die Struktur zieht an, die Textur wird dichter, ohne schwer zu werden. Man merkt, dass hier jemand genau weiß, wie viel Holz er sich erlauben kann – und wie viel nicht. Das ist kein Zufall, das ist Erfahrung. Und Jugend, auch wenn Dreissigacker auch schon in der Mitte des Lebens steht.
Und schließlich der Einzigacker: ein Weißburgunder für fast hundert Euro. Das muss sich einer erst einmal trauen: eine Rebsorte, die viele immer noch für freundlich belanglos halten, in diese Preisregion zu führen. Der Wein kann das tragen, keine Frage. Er ist präzise, tief, gut gebaut. Aber er bewegt sich an einer Grenze, an der man anfangen darf zu fragen, ob Preis und Leistung noch im Gleichgewicht stehen. Diese Frage gehört dazu. Und Dreissigacker weiß das. Er weiß aber auch, dass sich selbst dieser Wein gut verkauft, derzeit ausverkauft ist. Er weiß von sich, ein guter Verkäufer zu sein.
Darin liegt seine Stärke: dass er es in jedem Niveau allen recht macht. Dass er bereit ist, eine Sorte wie Weißburgunder so ernst zu nehmen, dass sie plötzlich im Zentrum steht. King of Pinot Blanc, wenn man so will. Ein Titel, der mit einem leichten Augenzwinkern daherkommt – und gleichzeitig erstaunlich gut passt.
Denn am Ende geht es nicht darum, ob Weißburgunder die spannendste Rebsorte der Welt ist. Ist er nicht. Es geht darum, was eine oder mehrere Personen aus ihr machen. Und Dreissigacker macht daraus etwas, das wir nicht übersehen können.

