(Manfred Klimek / animated pic: runwayml)
Weine, die wir regelmäßig trinken und prüfen. Ornellaia ist für mich so ein Fall. Ein Wein, zu dem ich nie ein wirklich entspanntes Verhältnis hatte. Zu teuer, zu sehr vom Markt getragen, zu sehr auch ein Symbol jener Jahre, in denen die sogenannten Supertuscans mehr waren als nur große Weine – sie waren Versprechen, Projektionsfläche, manchmal, manchmal oft, auch Spekulationsobjekt. Während ich beim Sassicaia immer eine gewisse Selbstverständlichkeit spüre, ein ruhiges Wissen um die eigene Größe, hatte ich bei Ornellaia lange das Gefühl: Hier wird zu viel Prestige erzählt, nicht nur Wein.
Und doch sitze ich dann wieder davor, habe zwei Jahrgänge im Glas, 2012 und 2018, und merke schon: Ganz so einfach ist es nicht.
Der 2012er, inzwischen gut gereift, zeigt sich in einer Form, die man diesem Wein vielleicht gar nicht zugetraut hätte, wenn man ihn jung getrunken hat. Die Frucht ist zurückgenommen, dunkle Kirsche, ein wenig Pflaume, dazu Tabak, Leder, ein Hauch von getrockneten Kräutern. Nichts schreit, nichts drängt. Am Gaumen fällt mir sofort und erneut dieses Säurespiel auf, das Ornellaia von vielen anderen Supertuscans unterscheidet. Der ist kein breiter, kein opulenter Wein, sondern einer, der sich über Spannung definiert. Die Tannine sind abgeschliffen, aber noch präsent, der Wein wirkt in sich geschlossen, ohne schwer zu sein. Und doch bleibt ein leiser Zweifel: Ist das schon alles? Oder fehlt da jene letzte Tiefe, jene dramatische Entwicklung, die man von wirklich großen, langlebigen Weinen erwartet?
Der 2018er hingegen steht noch am Anfang. Und doch zeigt er bereits sehr klar, wohin die Reise geht. Die Frucht ist präzise, kühl gehalten, überraschend viel schwarze Johannisbeere, etwas Ribisl, dazu ein sehr sauber eingebundenes Holz, das eher Struktur gibt als Aroma. Auch hier wieder diese fast irritierende Frische, diese Säure, die den Wein trägt und ihm eine Schlankheit verleiht, die man in dieser Preisklasse selten findet. Kein Muskelspiel, kein Überdruck, sondern Kontrolle. Eleganz als Konzept. Man versteht schon, warum dieser Wein so viele Anhänger hat.
Und genau hier beginnt das Dilemma. Denn wenn man Ornellaia mit anderen großen Namen vergleicht – etwa mit Antinoris Solaia, der für mich der kompletteste, dramatischste unter den Supertuscans ist – dann fehlt dem Ornellaia etwas von dieser epischen Anlage. Solaia baut sich über Jahrzehnte auf, gewinnt an Tiefe, an Komplexität, an Gravitas. Ornellaia hingegen scheint früher auf seinem Höhepunkt zu sein. Er verführt schneller, ist zugänglicher, vielleicht auch moderner in seiner Anlage. Aber er bleibt, so mein Eindruck nach vielen Jahren, in seiner Entwicklung begrenzter.
Tue ich ihm damit unrecht? Vielleicht. Denn man darf nicht erwarten, dass jeder große Wein die gleiche Art von Größe besitzt. Ornellaia ist kein Langstreckenläufer im klassischen Sinne, kein Monument, das sich über fünfzig Jahre entfaltet. Er ist ein Wein der präzisen Balance, der kalkulierten Eleganz, des perfekten Moments. Und in diesem Moment kann er nahezu unwiderstehlich sein.
Gerade dieses Säurespiel, diese kühle Linie, die sich durch alle Jahrgänge zieht, gehört zum Besten, was man im Rotweinbereich finden kann. Es ist eine Qualität, die oft unterschätzt wird, weil sie weniger spektakulär ist als Kraft oder Konzentration. Aber sie ist es, die den Wein trägt, die ihn lebendig hält, die ihn vom ersten bis zum letzten Schluck interessant macht.
Bleibt die Frage nach dem Preis. Und hier bleibe ich skeptisch. Wenn man Ornellaia als das versteht, was er ist – ein großer, eleganter, früh zugänglicher Kultwein mit einer Lebensdauer von vielleicht dreißig Jahren in sehr guten Jahrgängen – dann ist er auf dem Niveau bepreist, auf dem man eigentlich mehr erwarten dürfte. Mehr Tiefe, mehr Entwicklung, mehr Unendlichkeit.
Der Markt hat das anders entschieden. Und der Markt hat Ornellaia recht gegeben. Über Jahre, über Jahrzehnte hinweg. Vielleicht ist das die eigentliche Pointe: Dass sich hier ein Wein durchgesetzt hat, der nicht maximal, sondern präzise ist. Nicht monumental, sondern kontrolliert. Nicht unendlich, sondern im besten Sinne endlich.

