(Willi Klinger / Oberösterreichische Nachrichten / Wineparty)
Letzte Minute Adventzeit: Draußen ist es auch ohne Schnee kalt und früh finster. Ideale Bedingungen für einen gemütlichen Abend mit einem wärmenden Essen und einer guten Flasche Rotwein. So stelle ich mir immer das saisonale Nirvana vor, egal, ob die Szenerie im nebeligen Piemont, daheim am Land oder in einem gemütlichen Esslokal in der Stadt spielt. Manchmal komme ich mir jedoch dabei als Auslaufmodell vor, wenn ich sehe, wie lustiges Volk beim Aperitivo mit Aperolspitz und Knabbergebäck versackt, bis den Geschmackspapillen und Magennerven sukzessive die Lust auf ein gepflegtes Mahl vergeht. Ein bekannter Szenewirt hat dazu unlängst im Radio ausgeplaudert, dass seine Gäste beim Aperitivo gerne auf ihre Reservierung in anderen Restaurants „vergessen“. In dieser permanenten Partystimmung schrumpft das Revier für gepflegten Rotwein wie das Habitat des Rebhuhns.
Rotwein ist kein Partydrink
Ich verstehe jedoch nicht, warum die Weinszene permanent so tut, als wäre man früher mit einem Sommelier-Gen auf die Welt gekommen, wohingegen die Jugend von heute, die viel strapazierte Generation Z, kein Weininteresse hätte. Dem widersprechen erfolgreiche Gastronomen mit Weinfocus: die Jugend trinke Wein nach dem Prinzip „weniger ist mehr“. Es zählt Qualität und nicht Menge, und da hapert es beim Rotwein. Nicht nur der Jugend schmeckten die kühlen, frischen und prickelnden Varianten, weiß und rosé, besser als das meist fade, zimmerwarme Rotweinangebot der leistbaren Gastronomie. Sie sind auch bekömmlicher als die vielen zugerichteten Einstiegsroten, zu deren Abrundung – völlig legal – önologische Tannine (Gerbstoffe) verschiedener Aromarichtungen für mehr vanillige Süße oder Gummi arabicum für ein weiches Mundgefühl zugesetzt werden. Einfache Rotweine so aufzumotzen, als wären sie Grands Crus, funktioniert langfristig nicht, denn aus diesem Geschmacksbild wächst man bei echtem Rotweininteresse schnell hinaus.
Große Rotweine haben Zukunft
Es gibt also tatsächlich eine Absatzkrise beim Rotwein, aber die betrifft die unteren Preisklassen. So schiebt Österreich eine Rotwein-Jahresernte – etwa 70 Millionen Liter – vor sich her. Dabei handelt es sich um „Basisrotweine“ im untersten Segment, für die es kaum einen Markt gibt. Wer trinkt heute noch ein Viertel rot oder gar Cola-rot, der in meiner Jugend so etwas wie ein Kult-Cocktail war.
Auch in Bordeaux mussten aus ähnlichen Gründen schon 30.000 von einst 120.000 ha Rebfläche gerodet werden. Aber die gefragtesten europäischen Rotweine wie die Pinot Noirs aus Burgund, Cabernet und Merlot aus Bordeaux, Nebbiolo mit Barolo und Barbaresco aus Piemont, die großen Sangioveseweine der Toskana mit dem Brunello an der Spitze oder der Rioja und Ribera del Duero in Spanien repräsentieren nach wie vor die hohe Schule der Weinkultur. Daneben regt sich steigendes Interesse für Neuentdeckungen: zum Beispiel die französische Rhône oder die Loire, Süditalien mit dem sizilianischen Etna und dem kampanischen Taurasi aus der Aglianicotraube, das katalanische Priorat in Spanien oder die Stillweine vom Douro in Portugal und da und dort die sogenannte Neue Welt. Auch Österreichs Top-Rotweingüter melden Umsatzrekorde und Erfolge auf dem internationalen Parkett, weil Blaufränkisch & Co wegen der exorbitanten Preise der international gefragten Marken in weinaffinen Spitzenrestaurants als interessante, authentische Alternativen empfohlen werden.
Guter Rotwein ist teuer
„Weniger ist mehr“ lautet die Devise, auch weil die Preise für Spitzenrotweine in den letzten Jahren regelrecht durch die Decke gegangen sind. Dieser Trend wurde auch durch institutionelle Investoren und Fonds angeheizt, die Wein als Wertanlage entdeckt hatten. Doch die Wertsteigerungen stagnierten, als die Ausgangspreise den Zenit überschritten. Das derzeit viel kritisierte Top-Rotweingebiet der Welt, Bordeaux, ist das Musterbeispiel für eine verfehlte Preispolitik, die zu einem Einbruch der Nachfrage geführt hat. Auch politische Verwerfungen wie die staatlichen Einschränkungen in China oder US-Zölle führten zu Problemen. Die gute Nachricht dabei ist, dass man reifere Jahrgänge bekannter Rotweine heute manchmal günstiger bekommt, als sie seinerzeit beim Subskriptionskauf angeboten wurden. So hat sich Bordeaux bereits mehrfach in der Geschichte zurückgemeldet.
Fazit: Rotwein braucht Reife
Obwohl die großen Rotweine heutzutage viel früher zugänglich sind, kann man als Anfänger zunächst mit dem Gerbstoff mancher Spitzenweine nicht umgehen. Für an Süße gewöhnte Gaumen wirken herbe Spitzenrotweine sperrig und hart. Es braucht also Reife – sowohl beim Wein als auch beim Trinker – und gute Vermittler zwischen beiden. Es ist wie bei anspruchsvoller Musik: eine komplexe Komposition eines guten Komponisten (Wein, Winzer) braucht gute Interpreten (Sommeliers, Wine Educators) und aufnahmebereite Hörer (Genießer). Als Lohn für eine intensive Beschäftigung mit der Materie „großer Rotwein“ lockt dafür ein lebenslanges, unendliches Genusspotenzial.

