(Essay im Magazin The Healthy Times, Herausgegeben von der Healthy Boy Band / Foto: Cover der Healthy Times)
Zwei Arten des Erinnerns
Petting auf Pet-Nat? Beischlaf auf Bordeaux? Sex nach Wein, mit Wein, wegen Wein. Ist das in Zeiten der Dry-Sonstwas-Bewegung überhaupt noch denkbar? Ja! Aber..
Beide lassen sich nicht über Powerpoint erklären. Beide entziehen sich der reinen Funktion. Beide sind – wenn man es mit ihnen richtig macht – weniger Frage des Wollens als des Spürens. Und das ist der gemeinsame Kern von guten Sex und großen Weinen: Sie sind nichts, was man einfach so haben kann. Sondern etwas, das sich ereignet. Oft wie ein Wirbelsturm. Meist aber wie ein Mailüfterl.
Der große Fehler der nun endenden Moderne war, Wein wie Sex in Kategorien pressen zu wollen: Punkte, Preis, Performanz. Doch wer einmal einen wirklich großen Wein getrunken hat – so groß, dass man beim Ausatmen spürt, dass gerade etwas in einem selber aufgeräumt wird – der weiß, dass Wein viel näher am Körper ist, als uns das die Anti-Alkohol-Arpartsheitsbewegung glauben machen möchte.
Der Schluck ist nur der Anfang. Entscheidend ist, was danach bleibt. Das Nachschmecken, das Nachfühlen, das leise Flirren auf der Haut. Wer das kennt, der versteht: Auch im Wein ist das Sinnliche kein Beiwerk, sondern der Kern.
Sex funktioniert ähnlich. Der Körper als Bühne, die Berührung als Tannin, der Atem als Rückgrat. Das Handwerkliche ist wichtig – doch nur, wenn es vergessen werden darf. Die schönste Note eines Weins ist die, die nicht erklärt werden muss. Beim Sex ist es dasselbe.
Beide sind – im besten Fall – kein Konsum. Sondern ein Dialog. Eine Resonanz zwischen zwei Körpern. Zwischen Haut und Gaumen. Zwischen Wärme und Kühle. Zwischen dem, was war, und dem, was möglich ist.
Denn das, was einen wirklich guten Wein mit einem wirklich guten Moment im Bett verbindet, ist das: Die Erinnerung bleibt nicht nur im Kopf. Sie bleibt auch im Körper.
Wein & Sex – Kulturelle Spiegelungen eines alten Verlangens
Seit es Menschen gibt, die mehr als nur satt werden wollen, ranken sich um Wein und Sexualität dieselben Erzählungen. Dionysos, der lärmende Gott der Ekstase, tanzte nicht zufällig zwischen Weinlaub und nackter Haut. Der Rausch war nie bloß das Glas, der Becher, in der Hand. Er war immer auch ein Entgrenzen des Körpers. Wein und Erotik – das war für die Griechen kein lasziver Nebengedanke, sondern eine Frage der Weltordnung: Apollon für das Maß, Dionysos für das Maßlose. Und beide notwendig.
Später, im mittelalterlichen Kloster, wurde der Wein diszipliniert. Aus Lust wurde Sakrament. Man vergor den Saft mit Andacht, aber auch mit jener klammheimlichen Freude, die sich ergibt, wenn das Verbotene einen stillen Spalt offenlässt. Die Mönche wussten: Wein ist Körper. Und der Körper ist – selbst im Gebet – nie ganz zu bändigen.
Als die Aufklärung kam, glaubte man, man könne Wein – wie die Sexualität – ins Rationalisieren retten. Man sprach von Bouquets, Terroirs und Säurewerten, während im selben Atemzug die Etikette der bürgerlichen Keuschheit die Erotik auf maximal einen Ehestandpunkt reduzierte. Doch auch hier: Wer mit wachem Gaumen trank, wusste, dass die Lust nicht verschwunden war. Sie hatte sich nur besser getarnt.
Im 19. Jahrhundert schließlich wurde beides, Wein und Sex, wiederentdeckt als das, was sie sind: Erlebnisse der Körperlichkeit. Die Naturalisten beschrieben mit flammender Zunge das, was auf der Zunge blieb. Und Künstler von Courbet bis Klimt malten den Übergang: von der Landschaft zur Haut, vom Weinberg zur Liebe.
Heute, im postironischen Zeitalter, ist beides gleichzeitig enttabuisiert und verflacht. Die Weinindustrie wirft Punkte auf Flaschen, Dating-Apps Punkte auf Menschen. Doch wer sich die Zeit nimmt, zu kosten statt zu konsumieren, der spürt, dass das Echte bleibt: das leise Prickeln der Bitterstoffe, das Spiel zwischen Frucht und Säure, das Temperament des Moments.
Wein – wie Sexualität – ist nie für das Fließband gemacht worden. Sondern für den Moment, in dem zwei Körper – oder Körper und Gaumen – aufhören, Fremde zu sein.
Wein: kein Alkohol wie jeder andere
Doch bevor man zu sehr ins poetische Gleiten kommt: Wein ist nicht Gin. Und schon gar nicht Tequila. Wer beim Date zur Flasche Greco di Tufo greift und sich dann wundert, dass die Gespräche weniger enthemmt laufen als beim dritten Gin Tonic – der hat das Wesen des Weins nicht verstanden.
Wein berauscht anders. Langsamer. Körpernäher. Wo Spirituosen oft mit dem Vorschlaghammer auf die Hemmungen dreschen, ist der Wein der Florettfechter unter den Rauscherzeugnissen. Er lockert, ohne zu entgrenzen. Er wärmt, ohne zu verbrennen. Und gerade das macht ihn für sinnliche Annäherungen so gefährlich wie großartig: Er schafft einen Zwischenraum. Keine Abstürze, sondern ein Flirren. Kein Kontrollverlust, sondern ein Spiel mit dem Verlust der Kontrolle.
Die Farbe wechseln? Besser nicht.
Und doch ist die schönste Choreografie des Abends schnell ruiniert, wenn wir den Takt nicht halten. Die goldene Regel der erfahrenen Genießer: Wechsle nicht die Farbe. Wer mit Weiß beginnt und bei Rot endet, riskiert nicht nur Kopfschmerzen, sondern auch emotionale Brüche.
Ein kühler, mineralischer Chablis erzählt eine andere Geschichte als ein sonnenwarmer Grenache. Wer wild mischt, erzählt sich selbst den Abend kaputt – und steht am nächsten Morgen ohne Narrativ, aber mit brummendem Schädel auf.
Bleiben Sie also bei einer Stilistik. Entscheiden Sie sich. Folgen Sie dem Rhythmus eines Weines, einer Farbe, einer Textur. Der Körper dankt es. Und der Abend auch.
Einvernehmlichkeit beginnt und endet nicht beim „Stößchen“
Und schließlich – auch das gehört dazu: Nichts ist erotischer als ein Rausch, der als gute Erinnerung bleibt. Nicht der Blackout in der Erinnerung, sondern der leise Schimmer eines Abends, den man auch zwölf Stunden später noch gerne bewohnt.
Das heißt: Beide – oder alle Beteiligten – müssen sich ihrer Berauschtheit gewahr sein. Wein ist kein Alibi für Grenzüberschreitungen. Sondern ein Medium, das Grenzen aufzeigt, wenn man es zu hören versteht.
Ein Glas zu viel? Kann passieren. Aber nie darf es dazu führen, dass das, was in der Nacht geschieht, am Morgen bereut wird. Wein ist Dialog, kein Vorwand. Und gerade in Momenten des Zusammenseins gilt: Wer trinkt, muss sich selbst spüren – und den anderen.
Die demokratische Flasche – Weinwahl als Dialog
Es gab Zeiten – gar nicht so lange her –, da gehörte es zum guten Ton, dass der Mann am Tisch die Weine bestellte. So wie er das Wort erhob, wenn der Commis kam. Oder die Serviette zuerst auf den Schoß legte, während die Damen abwartend lächelten. Man nannte das „Kennerblick“, „Kavaliersgestus“ oder einfach „der Chef wählt“. Ein Relikt einer Ära, in der Wein nicht als sinnliches Gemeingut verstanden wurde, sondern als Bühne männlicher Kompetenz.
Diese Zeiten sind vorbei. Zum Glück.
Denn wer heute zu Tisch bittet – und wer Wein als Dialog versteht, nicht als Monolog –, weiß: Die Auswahl eines Weins ist der erste Teil der Annäherung. Sie ist Teil des Spiels, Teil des Vorab-Flirts, der sich schon im Blättern der Karte, im Diskutieren über Rebsorten, Jahrgänge und Regionen offenbart. Warum also sollte dieser Moment noch immer einer sein, der patriarchalisch entschieden wird? Warum das große Kino der Etiketten und Jahrgänge Männern überlassen, während die Frauen nur den Applaus beim Einschenken liefern dürfen?
Nein, die Flasche, der Wein, gehören in die Mitte des Gesprächs gestellt. Und die Wahl der Flasche wird zur ersten gemeinsamen Choreografie des Abends. Wer ist heute in welcher Stimmung? Wo will man gemeinsam hin? Lust auf den kühlen, mineralischen Weißen, der alles offenlässt? Oder doch lieber der samtige, warme, dunkle Rote, der sagt: Jetzt ist der Moment, sich fallen zu lassen?
Wein ist immer auch ein Spiegel des Moments. Und Momente entstehen nicht durch Ansagen, sondern durch Resonanz.
Vielleicht ist das der schönste Wandel, den der Wein in den letzten Jahren erlebt hat: Weg vom Machtmittel, hin zum Beziehungsgenerator. Der Sommelier, der nur zu ihm spricht, hat ausgedient. Heute lehnt man sich zusammen über die Karte, lacht, staunt, probiert. Und lässt sich überraschen. Die spannendsten Flaschen entstehen in diesem Wechselspiel der Stimmen. In diesem tastenden, suchenden, manchmal sogar streitenden Miteinander.
Die Flasche als Kompromiss? Nein. Als Komplizenschaft.
Denn Wein ist, wenn man ehrlich ist, ein Vorspiel. Und nichts verdirbt ein Vorspiel mehr als einer, der meint, alles besser zu wissen. Darum: Lassen wir die alten Gesten im Museum der guten alten Männlichkeitsfossilien. Und trinken wir auf eine neue Tischordnung. Eine, bei der der Wein nicht entscheidet, wer redet – sondern der Dialog entscheidet, welcher Wein aufmacht.
Denn alles Gute beginnt – wie der Wein selbst – im Teilen.
Wein & Sex – Eine kleine Schlussbemerkung über das große Ganze im kleinen Schluck
Wein und Sex – sie haben mehr gemein als nur den Mythos des Dionysos. Sie sind Rituale des Körpers. Und Rituale brauchen Zeit, Respekt, Bewusstsein.
Es ist kein Zufall, dass große Weine leise sprechen. Und große Liebhaber nicht brüllen. Das Zarte, das Ungesagte, das Spielerische – all das ist in beiden Welten der eigentliche Kern des Erlebens.
Und wer es einmal erlebt hat, weiß: Die besten Nächte sind nicht die, in denen alles gesagt wurde. Sondern jene, in denen das, was blieb, atmen durfte.

