(Redaktion)
Da gibt es gewiss Felder, auf welchem Wissenschaft einen stillem Konsens lebt: Schwerkraft, Photosynthese. Oder Winterreifen. Und dann gibt es jene Gebiete, in denen die Wissenschaft selbst zur Bühne wird – oft unbeabsichtigt, manchmal von Interessen durchdrungen, immer aber mit einer Wirkung auf das Leben vieler Menschen. Der Weinmarkt ist so ein Gebiet. Ein Milliardenmarkt nach wie vor, global vernetzt, kulturell aufgeladen, politisch überwacht, gesundheitlich vermint. Und genau hier entsteht seit zwei, drei Jahren ein Kampf um die Deutungshoheit, dessen Tempo und Widersprüchlichkeit atemberaubend sind.
Kaum hat man sich an eine neue Meta-Analyse gewöhnt, kommt eine Gegenstudie. Kaum wurde eine Methode verworfen, wird sie an anderer Stelle plötzlich wiederbelebt. Die Wissenschaft wirkt, als diskutiere sie mit sich selbst – und als würde jede neue Datenerhebung das Gegenteil der letzten behaupten.
Zwei aktuelle Studien zeigen dieses Chaos exemplarisch.
Die erste betrifft die Generation Z, jene zwischen 1997 und 2012 Geborenen, die seit Jahren als nüchterne Avantgarde gilt: Dry January, Sober October, radikale Gesundheitsorientierung, Abstinenz als Lifestyle. Und nun? Die neue IWSR-Studie (Global Leader in Studien zu Wein und alkolischen Getränken) zeigt einen überraschenden Trend: „Die Generation Z verzichtet zunehmend seltener auf die Teilnahme an Enthaltsamkeitskampagnen.“ Die Bereitschaft, einen Monat lang auf Alkohol zu verzichten, sank in den 15 untersuchten Ländern von 30 Prozent im Herbst 2024 auf 28 Prozent im Herbst 2025. Besonders deutlich ist der Rückgang in Frankreich, Italien, Großbritannien und Australien – teils zweistellige Einbrüche. Eine bemerkenswerte Zahl: „Im Herbst 2025 gaben 74 Prozent der Gen Z-Befragten an, in den vergangenen sechs Monaten Alkohol konsumiert zu haben.“ Zwei Jahre zuvor waren es nur 66 Prozent.
Die Erzählung der alkoholverzichtenden Jugend beginnt zu bröckeln. Die nüchterne Revolution – vielleicht war sie ein Medienphänomen, vielleicht eine Übergangsphase, vielleicht reines Wunschdenken. Die gegenwärtige Gen Z ähnelt den Millennials und ihren Eltern stärker, als es ihr Image vermuten ließ. Das sind für den Wein an sich gute Nachrichten. Doch im Handel oder bei den Winzern ist diese Entwicklung sichtbar noch nicht angekommen. Zumindest in Deutschland und Österreich.
Die zweite neue Studie schlägt in dieselbe Kerbe der Ungelöstheit, aber aus einer völlig anderen Richtung. Das berühmte „French Paradox“, schon mehrfach für tot erklärt, kehrt zurück – mit neuen Daten. Forscher der Harvard Medical School untersuchten 58.000 Probanden und fanden: „Das ‚schlechte‘ LDL-Cholesterin sinkt, und das ‚gute‘ HDL-Cholesterin steigt, wenn Menschen mit dem Alkoholkonsum beginnen.“ Die HDL-Steigerung sei sogar „höher als typischerweise durch Medikamente erzielt wird“. Und beim Alkoholverzicht? Die Werte drehen sich um. Der Effekt sei „unabhängig von BMI, Alter oder Ernährung“ und „tritt bei allen Alkoholarten auf“.
Und schon ist es passiert: Der hundertmal begrabene Mythos steht neu im Raum, wacklig und fragwürdig, aber erstaunlich lebendig. Man gewinnt den Eindruck, dass selbst die Wissenschaft nicht weiß, ob moderater Wein ein Risiko, ein Placebo oder eine kleine medizinische Sensation ist.
Zwischen diesen beiden Studien spannt sich ein Feld, das völlig aus den Fugen geraten scheint. Auf der einen Seite die Gesellschaftsforschung, die nicht mehr weiß, ob die Jugend nüchtern werden will oder nicht. Auf der anderen Seite die medizinische Forschung, die sich zwischen Verbotsempfehlungen und positiven Effekten so verhakt, dass jede klare Botschaft im Dickicht der Interpretationen versandet.
Und mittendrin der Wein. Er wird nicht nur getrunken, er wird vermessen, moralisiert, instrumentalisiert. Er ist Genussmittel, Gesundheitsgefahr, Kulturgut, Steuerobjekt, Forschungsgegenstand – alles zugleich. Der Wissenschaft geht es hier nicht allein um Wahrheit. Es geht um Einfluss, um Deutung, um Narrative, die Milliardenmärkte formen können.
Das Problem ist nicht, dass die Studien widersprüchlich sind. Das Problem ist, dass dieser Widerspruch zur Norm geworden ist. Für Konsumenten, Winzer, Händler – selbst für Journalisten – entsteht eine Lage, in der die Frage „Was stimmt eigentlich?“ kaum mehr beantwortbar ist.
Vielleicht ist Wein heute weniger ein Getränk als ein Symbol für eine Welt, die permanent zwischen Extremen schwingt. Zwischen Verzicht und Genuss. Zwischen Risiko und Ritual. Zwischen medizinischer Warnung und wissenschaftlicher Rehabilitation. Zwischen moralischem Anspruch und persönlicher Wirklichkeit.
Die Wirklichkeit liegt vermutlich irgendwo dazwischen: Wein ist weder Heilsversprechen noch Feind. Aber wer sich in dieser Landschaft orientieren will, braucht etwas, das keine Studie liefern kann: ein eigenes Urteil.
Und vielleicht ein Glas Rotwein – nicht als Medizin, sondern als Erinnerung daran, dass manche Dinge nicht gemessen werden können. Und schon gar nicht erklärt. Nur erlebt. Erlebt. Erlebt.
P.S.: Der Text am Foto heißt übersetzt:
Natürlich – hier ist die präzise Übersetzung des Textes auf deinem Screenshot:
Original Investigation | Öffentliche Gesundheit
Lipidprofile nach Veränderungen des Alkoholkonsums bei Erwachsenen, die jährliche Vorsorgeuntersuchungen durchlaufen
Schlüsselbefunde
Fragestellung
Sind Veränderungen des Alkoholkonsums – sowohl Beginn als auch Beendigung – mit dem LDL-Cholesterin („schlechtes“ Cholesterin) und dem HDL-Cholesterin („gutes“ Cholesterin) in Alltagssituationen außerhalb intensiver Interventionen verbunden?
Ergebnisse
In dieser Kohortenstudie mit 57.691 Personen, die jährliche Gesundheitsuntersuchungen in einem Zentrum für Präventivmedizin in Japan durchliefen, war das Aufhören mit dem Alkoholkonsum signifikant mit erhöhten LDL-C-Werten und verminderten HDL-C-Werten verbunden – im Vergleich zu Personen, die weiterhin Alkohol tranken. Der Beginn eines Alkoholkonsums zeigte den entgegengesetzten, ebenfalls signifikanten Zusammenhang. Diese Veränderungen waren bei höherem Konsum deutlicher ausgeprägt.
Bedeutung
Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Überwachung von Lipidprofilen nach einer Änderung des Alkoholkonsums wesentlich ist, um das Cholesterinmanagement zu optimieren.

