(Manfred Klimek, Weingut Bernard Pawis/Foto)
Meine erste Reise in den Osten liegt fünfundzwanzig Jahre zurück. Damals, kurz nach der Wende, standen da Reben in Lagen, die jahrzehntelang vernachlässigt worden waren. Ziegelmauern stützten bröckelnde Terrassen, Winzer erzählten von alten Zeiten, als Weinbau ein kulturpolitisches Alibi war. Man trank, was gerade so trinkbar war – mit Ausnahmeweinen, die fürs Politbüro der DDR reserviert blieben (super sozialistisch). Aber eines fiel sofort auf: wo Wein seit Jahrhunderten stand, dort hatte selbst der Untam Kommunismus nichts endgültig ruinieren können.
In Sachsen, nördlich von Dresden, liegt eine Landschaft, die man kaum anders nennen kann als pittoresk. Radebeul mit seinen Steillagen, Meißen mit der Silhouette über der Elbe, Pillnitz, wo die Reben fast in die barocken Kulissen wachsen. Schloss Proschwitz, das älteste privat bewirtschaftete Gut der Region, begann hier schon früh, aus dem Staub der Planwirtschaft seriöse Weine zu machen. Der Goldriesling – anderswo kaum noch bekannt – fand in Meißen seine letzte Bastion, dazu Weißburgunder und Riesling, die heute mit Stolz das VDP-Siegel tragen. Und dann Klaus Zimmerling, der in Pillnitz nicht nur Wein, sondern gleich eine ganze Bildsprache schuf: Die (den Tick kitschigen) Skulpturen seiner Frau auf den Etiketten, im Glas Riesling und Traminer, die mitunter in edelsüßer Pracht glänzten und in den Nullerjahren bundesweit Beachtung fanden. Später trat Martin Schwarz hinzu, früher Kellermeister auf Proschwitz, heute mit eigener Handschrift: Rieslinge von Granitlagen, Spätburgunder mit Holz, nichts laut, alles präzise.
Dresden selbst ist längst nicht nur die Kulisse, sondern auch Bühne einer neuen Weinkultur geworden. In den Bars und Restaurants der Stadt findet man heute junge Sommeliers, die sächsische Flaschen mit derselben Selbstverständlichkeit öffnen wie große Burgunder. Man trinkt Zimmerling oder Schwarz tatsächlich mit und neben Puligny, und das Publikum hat gelernt, dass die Elbe beim großen Weinbau durchaus mithalten kann.
Etwas weiter nordwestlich öffnet sich das Saale-Unstrut-Gebiet, das größte der ostdeutschen Regionen. Freyburg und Naumburg, kalkhaltige Böden, kühle Nächte – es riecht nach Burgund, wenn die Jahrgänge gnädig sind. Pawis machte hier den Anfang, kaufte ein Klostergut in Zscheiplitz, baute moderne Keller, legte Edelacker-Weine auf die Karte. Riesling, Weißburgunder, Spätburgunder – stets ernsthaft, nie anbiedernd. Böhme & Töchter wiederum, seit kurzem im VDP, zeigen, dass Handwerk und junge Neugier gut zusammenpassen: längere Maischestandzeiten, Spontangärung, ein Chardonnay, der mit Druck und Eleganz gleichermaßen auftritt. Und dazwischen Hey, am Steinmeister in Naumburg, der seine Weine mit ruhiger Hand formt – Weißburgunder, Riesling, sogar Zweigelt, der in warmen Jahren verblüffend fein geraten kann.
Und dann Leipzig. Dort habe ich die Hey-Weine erst wirklich kennen gelernt. Nicht im Weinberg, sondern im Gasthaus Helmut, wo ein brillant vinophiles Team die Karten schreibt wie ein Manifest: kein Dogma, kein Geschwätz, einfach Gläser, die geöffnet werden, weil sie getrunken werden müssen. Ein Riesling vom Steinmeister folgte, schlank, kühl, leise im Ton, und das Gasthaus wurde für einen Abend zum Proberaum der ostdeutschen Weinheit. Leipzig ist so zur heimlichen Hauptstadt geworden – nicht, weil Reben dort wachsen, sondern weil dort die Flaschen offen sind und jemand da ist, der sie einschenkt.
Thüringen bleibt Randnotiz, kleine Inseln um Bad Sulza, entlang der Ilm, Winzer mit Zähigkeit und Humor. Wenn es warm genug wird, kommen ordentliche Qualitäten ins Glas, manchmal mehr. Auch hier gilt: Klima schreibt gerade neue Drehbücher.
Am weitesten nach Nordosten wagt sich das Weingut Patke bei Frankfurt an der Oder. Dass dort heute wieder Reben stehen, hätte vor einer Generation niemand geglaubt. Johanniter, Kerner, Regent – robuste Sorten, die man in Brandenburg früher höchstens im Lehrbuch sah. In Pillgram wird gelesen und gekeltert. Ein Symbol dafür, dass der Klimawandel selbst die Mark wieder ins Spiel bringt, wo vor Jahrhunderten schon einmal Wein stand.
Man muss also aufpassen, wenn man weiterhin von „Neuen Bundesländern“ spricht. Nach 35 Jahren klingt das grotesk, als müsste man den Osten ewig mit Anführungszeichen versehen. Im Glas jedenfalls ist nichts neu: Hier wächst Herkunft, die sich behauptet hat.
Und dann, als ironischer Schlusspunkt, noch Rotkäppchen. Nein, nicht in Freiburg, wie so oft fälschlich behauptet wird, sondern in Freyburg an der Unstrut. Hier wurde nach der Wende nicht nur eine Kellerei gerettet, sondern gleich ein Stück ostdeutscher Folklore. Die Manager kauften den Betrieb der Treuhand ab, später fusionierte man zur Rotkäppchen-Mumm-Gruppe – heute Marktführer, Industriegigant, Symbol. Hunderttausende Flaschen rollen täglich “vom Band”, die Grundweine kommen fast immer im Tanklastzug aus aller Welt in Europa, in Freyburg werden daraus passable Sekte. Passabel, ja. Groß nie. Aber vielleicht ist es genau das, was man am Tag der deutschen Weinheit auch nicht vergessen darf: Einheit bedeutet nicht nur die Glorie der Steillagen, sondern auch das unverwüstliche Überleben einer Marke, die jeder kennt – ein der wenigen echten ostdeutschen Erfolgsgeschichten.
So stehen wir heute da. Der Osten ist keine Fußnote, sondern ein Kapitel. Und je weiter das Klima die Grenzen verschiebt, desto mehr wird dieses Kapitel Gewicht bekommen. Am Tag der Einheit also: ein Glas Osten. Oder besser – ein Glas Weinheit.

