(Claude Auguste / Redaktion /animiertes Foto: Weingut & Runwaylm)
Es lohnt sich, Markus Molitor einmal von jener Seite zu betrachten, die im öffentlichen Diskurs über diesen Winzer, um den es in den letzten Jahren stiller geworden ist, fast immer untergeht. Nicht der Riesling-Mythos in Molitors kaum mehr überschaubarem Riesling-Universum, sondern die „anderen“ Weine. Sie sind kein Seitenprojekt, kein Playground eines Übererfolgreichen, sondern der vielleicht ehrlichste Schlüssel zu seinem Denken.
Denn was Molitor hier tut, ist nichts anderes als die Übertragung eines radikal moselanischen Qualitätsbegriffs auf Rebsorten, die an der Mosel lange als Fremdkörper galten. Weißburgunder, Chardonnay, Pinot Noir – das klingt zunächst nach Internationalisierung, nach Anpassung. Tatsächlich ist es das genaue Gegenteil. Molitor macht diese Weine nicht trotz der Mosel, sondern durch die Mosel. Schiefer, Steillage, Kühle, Geduld – das ist das Koordinatensystem, dem auch diese Weine unterworfen werden. Sie dürfen nichts glätten, nichts übertünchen – und schon gar nichts vereinfachen.
Auffällig ist dabei zunächst die Zeit. Diese Weine sind nie „früh da“. Sie verweigern sich dem schnellen Eindruck, dem gefälligen Auftritt. Der Pinot Blanc Einstern etwa ist kein fruchtiger Einstieg, sondern ein ernsthafter Terroirwein (um einen Witzpreis), der mehr Spannung bietet, als die meisten Weißburgunder Deutschlands. Zitrusfruchtige Klarheit, kühle salzige Mineraltät, die den Wein eher trägt als schmeichelt. Das Holz bleibt Hintergrund, nie Argument, aber immer elegant präsent. Es geht um Struktur, nicht um Behauptung.
Noch deutlicher wird das bei den höher selektionierten Weißburgundern aus dem Wehlener Klosterberg. Ob als klassische ***-Version oder als Variante mit verlängertem Schalenkontakt – diese Weine bewegen sich bewusst an der Grenze dessen, was Mosel sein darf. Und genau darin liegt ihre Faszination. Sie verbinden burgundische Tiefe mit moselanischer Nervigkeit, Druck mit Kühle, Reife mit straffer Führung. Die Frucht wirkt nie breit, sondern immer fokussiert: gelbe und auch grüne, erntefrische, nicht reife Äpfel, Zitrusschale, gering Kamille, dazu Kreide, Salz, ein schon unglaubliche präziser und sogar elegant auftretender Gerbstoff aus den Schalen. Das sind Weine, die fordern. Und schmecken.
Ähnliches gilt für den Chardonnay aus dem Klosterberg. Er ist kein Versuch, Burgund zu imitieren, sondern eine Antwort auf die Frage, was Chardonnay an der Mosel leisten kann. Die Aromatik bleibt hellfruchtig, fast zurückgenommen, getragen von Frische, nicht von Fett. Zitrone, mehr Limette, Quitte, ein Hauch Exotik, aber alles unter Spannung gehalten von Säure und fantastisch mineralischem Zug. Das Holz ist stärker präsent, aber absolut vom Kellerteam diszipliniert – mehr Textur als Geschmack. Man spürt hier sehr deutlich Molitors Handschrift: nichts dem Zufall überlassen, aber auch nichts ins Dramatische, in die Übertreibung forciert.
Am deutlichsten wird diese Haltung vielleicht beim Pinot Noir. Der Graacher Himmelreich *** (getrunken Jahrgänge 2018 und 2019) ist kein Mosel-Kuriosum, sondern ein ernstzunehmender großer Pinot, der sich ohne Scheu neben hochklassige Burgunder stellen kann – nie als Kopie, immer als eigenständige Interpretation. Die Nase changiert zwischen Herzkirsche, auch Cassis, Blaubeere, Kräuterwürze und salzigem, dunklem Gestein. Im Mund verbinden sich Saft und Strenge, Süße und salzige Mineralik, Reife und Frische. Der Einsatz der Rappen ist spürbar, aber diszipliniert nur bewusst eingesetzt – nicht als Stilmittel, sondern als Spannungselement. Das Ergebnis ist kein glatter Wein, sondern ein kräftig-eleganter, manchmal widerspenstiger, immer aber faszinierender, großer Pinot.
Was all diese Weine verbindet, ist eine fast altmodische Idee von Größe. Sie setzen auf Lagerfähigkeit in einer Zeit, in der Geduld zur Ausnahme geworden ist. Und sie zeigen, dass Molitors Qualitätsfanatismus keine Frage der Rebsorte ist, sondern eine Frage der Haltung zum Weinmachen – auch wenn wir dieses Wort Haltung künftig vielleicht sparsamer verwenden sollten.
In diesem Sinne sind die „anderen“ Weine von Markus Molitor keine Randnotiz, sondern ein zweiter Hauptsatz. Sie erzählen von einem Winzer, der nicht stehenbleibt, obwohl er längst auf seinen Lorbeeren ruhen könnte. Und sie erinnern daran, dass große Weine oft dort entstehen, wo jemand bereit ist, sich jenseits des Erwartbaren noch einmal neu festzulegen.

