(Manfred Klimek / WELT am SONNTAG / redaktionell überarbeitet / überarbeitete Fotos: Runwayml)
Konsumzurückhaltung, Preisdruck, jüngere Generationen, die weniger Wein trinken, Winzer, die sich auf härtere Zeiten einstellen sollen – diese Sätze gehören inzwischen zum Grundrauschen der Branche. Sie werden wiederholt, variiert, verschärft. Und sie sind nicht falsch. Aber sie sind auch nicht die ganze Wahrheit. Wer derzeit Weingüter in Deutschland und Österreich besucht, stößt immer wieder auf eine Realität, die nicht recht zu dieser Erzählung passen will. Betriebe, die wenig spüren vom angekündigten Abschwung. Manche, die stabil verkaufen. Andere, die – selbst in den USA, trotz Zöllen – zulegen. Nicht aus Ignoranz gegenüber der Krise, sondern aus einer Haltung, die älter ist als jede Marktdebatte: Konzentration auf das, was da ist. Auf den Ort. Auf die Lage. Auf das Mögliche.
Zwei solcher Begegnungen lassen sich gut nebeneinanderstellen, weil sie aus unterschiedlichen Regionen stammen und doch dasselbe Prinzip teilen: bedingungslose Treue zum Terroir – und zur geduldigen Ausarbeitung dessen, was es hergibt.
In der Wachau erlebt der Federspiel eine stille Rückkehr. Lange war er die mittlere Kategorie zwischen Steinfeder und Smaragd, gern übersehen, oft unterschätzt. Heute wirkt er fast wie die Antwort auf eine Zeit, die weniger Alkohol und mehr innere Spannung sucht. Johann Donabaums Grüner Veltliner Federspiel Peunt® 2024 ist dafür ein Lehrstück. Kein demonstrativer Wein, kein aufdringlicher. Steinobst ist da, aber gezügelt. Quitte, ein Hauch Rauch, darunter jene salzige Mineralität, die den Schluck trägt und verlängert. Das ist kein Wein für den schnellen Effekt, sondern einer, der bleibt – gerade weil er leichtfüßig ist, ohne je belanglos zu werden.
Dass Donabaum dennoch den Smaragden breit Raum gibt, ist da null Widerspruch. Kirchweg, Spitzer Point, Setzberg: drei Weine, drei unterschiedliche Gewichtungen von Würze, Frucht und mineralischer Spannung. Der Kirchweg straff und klassisch, der Spitzer Point cremiger, gelbfruchtiger, der Setzberg kühl und steinig von den höheren Terrassen. Dazu Neuburger und Chardonnay – Nebensorten in der Wachau, fast schon Anachronismen –, die zeigen, dass es nicht die Rebsorte alleine ist, die Donabaums Weine trägt, sondern sein präziser Umgang mit Boden, Ertrag und Mikroklima. Souveränität entsteht hier nicht aus Vielfalt, sondern aus Kontrolle.
An der Mosel, in Brauneberg, arbeitet Stefan Steinmetz an einer anderen, fast radikaleren Form von Klarheit. Seine 2024er-Kollektion trockener Rieslinge wirkt wie eine Kartografie des Schiefers – jede Lage ein eigener Gedanke. Ich begleite Steinmetz seit vielen Jahren, und selten war diese Breite so überzeugend. Vom einfachen Brauneberger Riesling mit seiner reinen, schnörkellosen Klarheit über den trockenen Juffer Kabinett, der mit 9,5 Prozent Alkohol zeigt, wie ernsthaft Leichtigkeit sein kann, bis hin zu den großen Hofberger-Weinen, die Kraft und Eleganz nicht gegeneinander ausspielen, sondern miteinander verschränken.
Die Reserven schließlich – Hofberger und Grosser Hengelberg – sind keine Machtdemonstrationen. Sie sind Geduldsprojekte. Weine, die nicht darauf drängen, sofort oder in den beiden Folgejahren getrunken zu werden, sondern Zeit verlangen und so versprechen, in eingien Jahren brillant zu glänzen. Dass sie Jahrzehnte überdauern können, ist hier kein Marketingargument, sondern fast eine Nebenwirkung ihrer inneren Ordnung.
Was Donabaum und Steinmetz verbindet, ist weniger ein Stil als eine Haltung zum Weinmachen – pardon: ein Selbstverständnis. Beide reagieren nicht auf Trends, sie ignorieren sie. Beide arbeiten an ihren Lagen, nicht am Markt. Und beide zeigen, dass Qualität nicht zwangsläufig schreien muss, um sich durchzusetzen. Vielleicht liegt genau darin ein Schlüssel für diese Zeit: nicht alles neu zu erfinden, sondern das Vorhandene so genau zu lesen, dass es einem selbst und den Weinbau trägt – auch dann, wenn die Erzählungen um Wein düsterer werden.

