(Manfred Klimek / Foto: Ludwig von Kapff – Weinhandel)
Der Verband Deutscher Prädikatsweingüter, kurz VDP, hat über Jahrzehnte Maßstäbe gesetzt. Er war Avantgarde, als andere noch überlegten, wie Deutschlands Qualitätsweine zu vermarkten sind. Doch das Symbol, das ihn seit fast hundert Jahren begleitet, ist in einer Zeit, die auf Symbole erheblich empfindlicher reagiert als je zuvor, zum Problem geworden: der Adler.
Dieser Vogel, mit seinen steifen Schwingen und den angriffslustigen Klauen, erinnert fatal an das, was er nie mehr erinnern sollte – an den Reichsadler. Eine historische Belastung, die meine Generation noch abstrahieren konnte, weil wir das Symbolische vom Symbol trennen konnten. Doch diese Fähigkeit schwindet. Wir leben in einer Epoche, in der das Offensichtliche das Nachdenkliche, das Differenzierende, verdrängt.
Was man sieht, zählt. Und was aussieht wie Macht, gilt als Machtgeste.
Was aussieht wie ein Reichsadler, bleibt Reichsadler – egal, was die Satzung dazu sagt, egal, wie liberal und versichert demokratisch die Winzer sind. Tradition, schön und gut. Doch kann der verkappte Reichsadler, der seit jeher auch Konsumenten abschreckt, wie ich schon in den 2000er-Jahren von Journalistenkollegen erfuhr (“Ich kaufe das nicht, mich erinnert das an die Nazizeit”), kein Symbol sein, dass in einer sich verändernden Gesellschaft noch Platz greift.
Wenn also der VDP den Anschluss an die jüngeren Generationen nicht verlieren will, muss er diesen Adler demokratisieren. Er braucht nicht zwingend ein neues Wappentier – aber wenigstens eine Neuinterpretation: weichere Linien, weniger Panzerung, mehr Gegenwart. Warum nicht ein augenzwinkernder Adler mit Glas und Flasche in den Krallen? Ein Symbol, das nicht dominiert, sondern genießt.
Denn sonst wird aus dem stolzen Wappenvogel ein SUV mit Flügeln – das perfekte Symbol für jene Männlichkeit, von der sich die Generation Z gerade abwendet. Dann ist der Adler nicht mehr Wahrzeichen, sondern Warnzeichen. Besonders im Ausland, wo der deutsche Wein dringend jung aufgestellt gehört.
Apropos neu Aufstellen; Während die halbe Weinwelt gerade versucht, das Thema „Low Alcohol“ zu erfinden, liegt die Lösung in Deutschland seit Jahrhunderten in den Kellern: Kabinett und Feinherb.
Diese Weine – leicht, elegant, trinkanimierend – sind das Gegenteil jener alkoholgesättigten Weinschwergewichte, die einst Prestige versprachen und heute nur noch Ermüdung erzeugen. Ein guter Mosel-Kabinett hat 7,5 bis 10 Prozent Alkohol, balanciert Restsüße mit Säure, schmeckt wie ein Nachmittag in der Herbstsonne und hat trotzdem Tiefe.
Er ist der „Wein der Zukunft“, ohne dass jemand den Marketingbegriff dafür erfinden müsste.
Nur: Warum wird daraus kein Kapital geschlagen?
Warum klebt man nicht auf jede Flasche einen Sticker mit den Farben Schwarz-Rot-Gold und dem Satz:
„Low Alk. Big Fruit. Decent Glass.“ – ein ironischer, selbstbewusster Slogan, der genau das signalisiert, was Deutschland kann: Wein mit Haltung und Leichtigkeit zugleich.
Stattdessen herrscht Lähmung. Die Verbände fürchten, sich zu modernisieren. Winzer fürchten, Ernsthaftigkeit zu verlieren. Und der VDP, der in dieser Sache einmal wirklich mutig sein könnte, beschäftigt sich mit Klassifikationen, als ginge es um Verwaltungsrecht, nicht um Lebensfreude.
Dabei war Deutschland immer am besten, wenn es gegen den Strom schwamm: Als man an der Mosel süß und trocken gleichwertig genial kelterte (und immer noch keltert). Als man Rieslinge exportierte, die in England und den USA abslute Prämiumweine wurden. Und heute, da die Welt nach leichteren, bekömmlichen Weinen schreit, schaut Deutschland betreten zu, wie sogar Regionen wie die verschlafenen Provence die Kategorie „Light & Fresh“ besetzen.
Beide Themen – der Adler und der Kabinett – gehören zusammen.
Beide sind Spiegel einer Branche, die in sich ruht, während draußen alles in Bewegung ist.
Der Adler zeigt, wie schwer man sich mit Veränderung tut.
Der Kabinett zeigt, wie leicht Veränderung sein könnte.
Deutschland könnte die Weinwelt mit zwei einfachen Gesten aufrütteln:
Ein neuer, zeitgemäßer Adler – und ein nationaler Schulterschluss für den leichten, lebendigen Riesling.
Will der deutsche Weinbau solche anpassenden und einfachen Reformen? Oder will er sich beim Verschwinden erste Reihe fußfrei zusehen?
Vom dieser Entscheidung hängt mehr ab, als heute kapiert wird. Ein “Weiter so!” wäre verheerend.

