(Redaktion)
Norah Jones? Wenn der Name der zweiprominentesten Sängerin der späten 1990er-Jahre heute fällt (die pominenteste war übrigens Amy Winehouse), dann erinnern sich die meisten weniger an ihre Musik als an ihren flüchtigen Filmkuss mit Jude Law. Ihren größten Hit hat sie vor fast 25 Jahren gesungen – Don’t Know Why. Weiß das noch jemand? Kaum. Der Song ist in die Hintergrundmusik der Hotellobbys abgerutscht, die Künstlerin ins diffuse Halbdunkel der Nostalgie. Und genau dort, im Schatten vergangener Relevanz, versucht sie jetzt ein Comeback – nicht mit einem Album, sondern mit einer Weinlinie.
„This Life“ heißt das Projekt. Gemeinsam mit dem isländischen Pharma-Milliardär Róbert Wessman, der sich vom „Wikinger-Boss“ zum Schlossherrn im Bergerac aufgeschwungen hat, bringt sie nun Crémant, Rosé, bald auch Weiß- und Rotwein auf den Markt. Ein Sortiment, das so seicht klingt wie ein Sommer-Playlist-Algorithmus. Vorgestellt wurde es in der funkelnden Kellerkulisse von Château de Saint-Cernin: Kronleuchter, Selfies, PR-Sprech. Mehr billiger James Bond als unbekanntes Bergerac.
Doch Wein entsteht nicht auf Presseterminen, sondern mit hervorragendem Lesegut. Ich entnehme ersten Social-Media-Kritiken (und deswegen nicht vorbehaltslos): da ist nichts, das speziell auffällt und sich von Industrieweinen unterscheidet. Kein Herkunftsgefühl, keine Handschrift, nur Marketing-Parfum.
Das Muster ist bekannt. Brad Pitt und Angelina Jolie etwa: Ihr Miraval-Rosé wurde zum Kult (der er längst nicht mehr ist), nicht weil er den Weinbau der Provence neu erfand, sondern weil die Trennung der beiden Hollywood-Götter die beste Kampagne war, die man sich wünschen konnte. Eine Flasche Miraval ist weniger Wein als bloß Beziehungsdrama zum Ausschenken.
Oder Deutschland: Matthias Schweighöfer etikettierte sich einst selbst auf Flaschen, die einem danach in jedem Supermarktregal angrinsten. Hier geht es nicht um Wein, hier geht es um die „nette Flasche für den Samstagabend“, die sich mit einer Streaming-Serie kombinieren lässt. Nun, das ist nicht zwingend schlecht – aber poor.
Und dann Gérard Depardieu – der Pate aller Promi-Weine. Er kaufte – bevor er Russe wurde – quer durch Frankreichs Weingüter Wein zusammen, ließ hektoliterweise Mittelmaß abfüllen und wurde von feuilletonistischen Bobos als brillanter Winzer feiern. Warum? Weil der „dicke Schauspieler mit Rotweinnase“ angeblich so viel Seele in jede Flasche gegossen habe. In Wahrheit war es industrielle Belanglosigkeit, verkauft mit der Aura eines exzessiven Genies und provokant guten Fotos. Doch Depardieus Weine waren nie mehr als Theaterdonner im Glas.
Natürlich gibt es die Ausnahme: Sting in der Toskana. Sein Tenuta Il Palagio ist ein ernstzunehmendes Weingut, geführt mit Handwerk, Ernsthaftigkeit und Respekt vor der Tradition. Aber er ist die Ausnahme, die alle anderen nur umso schwächer aussehen lässt.
Und jetzt also Norah Jones. „This Life“. Schon der Name klingt nach einem weichgespülten Coaching-Programm: alles, nichts, wohlklingend. Die Weine? Nett. Ungefährlich. Sommerlich wie ein Dosen-Eistee. Keine Tiefe, kein Risiko, keine Kontur – so eben erste Stimmen aus dem Netz. Ein Wein, vielmehr ein Produkt, das sich lieber einschmeichelt, als je zu fordern.
Doch ist es nicht zu spät? Wer steigt jetzt noch ins Winebusiness ein? Antwort: Jene, die in einem Weinsee schwimmen, suchen eben neue Möglichkeiten, diesen Weinsee wieder loszuwerden Wer eine Flasche Celebrity-Rosé kauft, erwirbt nicht Wein, sondern die Illusion von Nähe. Man trinkt das Image, nicht den Inhalt. Die Regalreihe wird zur Fanmeile, das Etikett zur Eintrittskarte. Währenddessen kämpfen echte Winzer mit Wetterkapriolen, mit Böden, mit Märkten. Doch kennt überhaupt irgendwer noch Norah Jones? Eben!
Das eigentlich Tragische: Diese Projekte verdrängen die Geschichten der wirklichen Winzerinnen und Winzer. Statt Tiefe: Oberflächengeglitzer. Statt Herkunft: Selfies im Château-Keller.
Ist es nicht erfreulich, wenn Wein, entgegen den Zero-Kampagnen, auch wieder als Kulturgut medial Platz greift? Nein: Denn diese Art Wein ist keine Kultur, bloß Abklatsch, sondern nur noch Accessoire im Instagram-Shop der Eitelkeiten – ein Getränk, das wohl so belanglos wie fast alle Celeb-Weine.

