(Manfred Klimek, Redaktion, Zitate ORF Tirol)
Sommelier-Skandal in Tirol: Vom Gerücht zur Schlagzeile
Noch vor wenigen Wochen schien es, als sei Kritik an den Vorgängen im Tiroler Sommelierverband ein Tabu. Wer Zweifel anmeldete, bekam schnell Drohungen mit dem Pressegesetz – ein Mittel, das in Österreich fast schon zur Folklore gehört, wenn es darum geht, Unangenehmes kleinzuhalten. Doch die Geschichte lässt sich nicht länger deckeln. Inzwischen berichtet auch der ORF ausführlich, und plötzlich wirkt das, was zuvor als „böswillige Gerüchte“ abgetan wurde, wie ein regelrechter Krimi im eigenen Fachverband.
Der Schauplatz: das Weingut Scheiblhofer in Andau, Oktober 2023. Dort fand die Sommelier-Staatsmeisterschaft statt, das wichtigste nationale Kräftemessen junger Talente. Am Ende stand ein strahlender Sieger fest: der Tiroler Maximilian Steiner. Doch, so ORF Tirol, „schon damals rumort es im Hintergrund“. Ein ehemaliger Trainer, der anonym bleiben will, sei vor dem Wettbewerb abgesprungen, weil er auf mögliche Manipulationen gestoßen sei. „Er selbst will anonym bleiben und hat laut eigenen Angaben jahrelang versucht, den Fall intern aufzurollen.“
Die Vorwürfe wiegen schwer (wie wir ja bereits berichteten): Dem späteren Sieger sollen die Fragen vorab zugespielt worden sein – und zwar von einer Jurorin, die zugleich eine hochrangige Funktionärin im Tiroler Sommelierverein ist. Steiner habe die Informationen dann per WhatsApp an seinen Trainer weitergeleitet, um gezielt zu üben. Laut ORF seien in den Nachrichten „umfangreiche Details“ zu lesen gewesen, die dann „auch Thema auf der Bühne waren“. Es ging nicht nur um die Theorie, sondern um exakte Inhalte: welcher Champagner eingeschenkt werden musste, wie viele Personen zu bedienen waren, welche Zeitlimits galten.
Steiner selbst weist die Vorwürfe zurück. In einer schriftlichen Stellungnahme spricht er von „aus dem Kontext gerissenen Einzelaspekten“ und davon, dass eine isolierte Darstellung „den Gesamteindruck in unzulässiger Weise verzerre“. Wer das für gesamt glaubwürdig hält, muss allerdings auch erklären, warum die offenkundigen Überschneidungen zwischen Chat und Wettbewerb Zufall sein sollen. In den Wineparty-Recherchen wurde darauf eingegangen, die Antworten von Verein und Verband waren nachvollziehbar, aber nicht die Situation im Gesamten erklärend.
Der Zweitplatzierte Stefan Klettner hat dazu eine eigene Meinung. Nach Sichtung der Chats sagte er dem ORF: „Derart konkrete Informationen gehen über eine gezielte Vorbereitung weit hinaus.“ Besonders pikant: Es existieren laut ORF auch Sprachnachrichten der Jurorin an Steiner, in denen über Konkurrent Klettner gesprochen wird.
Die Sommelier Union Austria wiegelt weiter ab: „Dass es zu Überscheidungen von Aufgabenstellungen im Training und Wettkampf kommt, ist nicht unüblich.“ Das Problem: Wenn das Unübliche plötzlich als normal verkauft wird, kippt jede Glaubwürdigkeit. Klettner nennt diese Abwehrhaltung schlicht „nicht mit menschlicher Intelligenz vereinbar“.
Der Tiroler Sommelier Benjamin Zimmerling, ein vermuteter anonymer Informant der Wineparty, spricht auf ORF-Anfrage von einer „furchtbar enttäuschenden“ Erfahrung, als passionierter Sommelier sei er „sehr wütend“. Seine Anfragen an die Union seien unbeantwortet geblieben. Noch deutlicher wird er beim Thema Sponsoren: „Sponsoren stecken viel Geld in diesen Bewerb. Ich frage mich, wie die sich fühlen, wenn der Gewinner schon vorher feststeht.“ – so Zimmerling im ORF.
Das Bild ist so verheerend, wie es war – auch wenn der Tiroler Verband bei Wineparty eine (nicht vollständige) Aufklärung leisten wollte: Ein Wettbewerb, der die Exzellenz einer Branche zeigen soll, wird plötzlich zum Musterbeispiel für fehlende Transparenz. Der Videostream des Finales wurde nach der ORF-Anfrage komplett offline genommen. Der Fall liegt nun auch beim Weltverband, die österreichische Präsidentin Annemarie Foidl spricht immerhin von einem „seriösen und transparenten Aufarbeitungsprozess“. Diesen hatte sie der Wineparty verweigert.
Der Schaden ist angerichtet. Wer sich für eine Szene interessiert, die ohnehin mit dem Image von Elitismus und abgehobener Fachsimpelei zu kämpfen hat, wird durch solche Schlagzeilen bestätigt. Die Drohungen gegen kritische Berichterstattung wirken im Rückblick fast wie das Eingeständnis, dass es tatsächlich etwas zu verbergen gab.
Heute tagt der Tiroler Sommelierverein zur Generalversammlung. Kritiker wie Zimmerling wollen „klare Ansagen“, bevor im November der nächste Sommelier des Jahres gekürt wird. Was immer dort beschlossen wird: Die Branche steht jetzt unter Beobachtung. Und vielleicht wäre es an der Zeit, dass die Verbände begreifen, dass Transparenz kein Gegner ist, sondern die einzige Rettung – jene Transparenz, die Verein und Verband zuletzt nicht leisten wollten.

