(Manfred Klimek / Foto: Gergo Pejko / animated pic: runwayml)
Bevor ich einige Wochen im südwestdeutschen Weinbaugebiet Markgräflerland Quartier beziehe – eine Region, die unbedingt mehr in den Fokus rücken muss – mache ich einen Zwischenstopp in der Wachau. Bei einer Genossenschaft, die nicht nur in Österreich ihresgleichen sucht, die Domäne Wachau, einer der erstaunlichsten Weinbaubetriebe Mitteleuropas. Nicht nur, weil dort inzwischen einige der präzisesten Rieslinge und Grünen Veltliner Donaueuropas entstehen, sondern weil diese Weine ausgerechnet aus einer Genossenschaft kommen – also aus jenem Modell, das im Weinbau jahrzehntelang fast automatisch mit Mittelmaß und Masse verbunden wurde.
Genau dieses Bild, das auch in Österreich vorherrschte, hat die Domäne Wachau in den vergangenen zwanzig Jahren radikal zerstört. Heute bewirtschaften rund 200 Winzerfamilien etwa ein Drittel der gesamten Wachau. International bekannte Terrassenlagen wie Achleiten, Kellerberg oder Singerriedel gehören längst nicht mehr nur den großen Einzelweingütern der Region, sondern auch zur Domäne. Das eigentlich Bemerkenswerte dabei: Die Genossenschaft versucht nicht, Unterschiede zu glätten, sondern Herkunft selbst von kleinen Parzellen präzise herauszuarbeiten. Unter der Leitung von Roman Horvath und Kellermeister Heinz Frischengruber entstand daraus eine der modernsten Qualitätsgenossenschaften Europas – ein ultimativer, auch touristisch wertvoller Vorzeigebetrieb.
Die Weine wurden nicht nur schlanker, präziser und moderner: gleichzeitig investierte die Domäne massiv in biologischen Weinbau, nachhaltige Bewirtschaftung und moderne Kellertechnik, die auch spannende önologische Experimente möglich macht – und ein junges Publikum in das Gebäude holt. Vor allem aber entstand dort etwas, das Genossenschaften normalerweise selten schaffen: eine klare stilistische Handschrift – etwas Unverwechselbares.
Interessant ist allerdings die größere Frage dahinter: Warum funktionieren ausgerechnet niederösterreichische, auch burgenländische und Südtiroler Genossenschaften national und international so gut – während deutsche Genossenschaften bis heute meist im Billigsegment festhängen?
Denn in Südtirol beweist sich ein ähnliches Genossenschaftsphänomen: Kellereien wie Girlan, Tramin, Kurtatsch, Kaltern, Nals-Margreid oder St. Michael-Eppan gehören längst zu den renommiertesten Betrieben Italiens. Auch dort arbeiten hunderte kleine Weinbauern zusammen. Auch dort entstehen international gefragte Spitzenweine. Niemand würde zum Beispiel die weltweit hoch renommierte Genossenschaft Terlan heute als „typische Genossenschaft“ wahrnehmen.
In Deutschland dagegen klebt vielen Genossenschaften noch immer der Geruch der Nachkriegszeit an: süßliche Massenware, Rabattaktionen, das Festhalten an unerquicklichen Rebsorten und eine Qualitätsphilosophie, die oft eher auf Stabilität als auf Individualität ausgerichtet scheint.
Die Wachau, das Kremstal und Südtirol begriffen früh, dass kleine Winzer alleine am Weltmarkt meist keine Chance mehr haben. Die Genossenschaft wurde dort deshalb nicht als Auffangbecken verstanden, sondern als gemeinsame Qualitätsmaschine: Herkunft, Präzision und Markenbildung standen plötzlich über bloßer Menge. Gleichzeitig arbeiteten beide Regionen mit enormem Selbstbewusstsein an ihrem internationalen Image.

