(von Manfred Klimek / Foto: Medienagenten / Location: Freundschaft Berlin / Animation: Runwayml)
Der Bodensee war lange der stille Rand des deutschen Weinbaus – kaum bekannt, wie es viele Gebiete im Osten des Landes heute noch sind. Kein Ort für große Erzählungen also, aber auch kein Revier für Eitelkeiten, daher eher ein Durchgangsraum zwischen Württemberg, Bayern und dem südwestlichen Alpenvorland. Genau deshalb ist das, was dort gerade passiert, so bemerkenswert. Zwölf Winzer haben begonnen, sich aus dieser administrativen Bequemlichkeitszone zu lösen. Nicht mit Pathos und Marketinggeschwurbel, sondern mit handfester Arbeit an ihrer eigenen, erfrischenden Stilistik. Und genau in dieser Stilistik steckt das größte Ass der Bodenseewinzer, denn ihre Weine, leichter, mit weniger Druck, eindeutig bekömmlicher, sind genau DAS, was junge Weintrinker heute von Wein wollen: verlässliche Lebens- und Trinkleichtigkeit, ohne von maskulkinen Alkoholprozentgefurze (je mehr Alk, desto besser) und Dichtheitsfette (“geil schwerer Wein”) belästigt zu werden. Die Bodenseewinzer keltern genau jenen Missing-Link, das anderen Region fehlt, weil diese auch ein anderes Terroirklima haben.
Der Bodensee ist kein expliziter Terroir-Ort. Die Böden sind schwer, oft fett, das Wasser nahe, die Erträge müssen gebremst werden. Gleichzeitig wirkt die Nähe zu den Alpen wie eine natürliche Bremse: Kühle Nächte, lange Vegetationsperioden, ein Aromengerüst, das sich nicht von selbst aufbläht. Wer hier auf maximale Duftigkeit setzt, verliert. Wer reduziert, gewinnt. Genau das ist der gemeinsame Nenner dieser Winzergruppe: plumpe Aromatik zurücknehmen, Reife zügeln, Lagen herausarbeiten. Nicht alles tun, was möglich wäre – sondern nur das, was trägt.
Auffällig ist der selbstverständliche Umgang mit PIWIs, pilzwiderstandsfähigen Rebsorten, die anderswo immer noch als moralische Pflichtübung behandelt und als schräg erkannt werden. Hier sind sie Werkzeug. Johanniter, Solaris, Souvignier Gris – nicht als Ersatz, sondern als eigenständige Sprache. PIWIs am Bodensee sind kein Verzicht, sondern eine Präzisierung.
Die beiden Sekte setzen früh ein Signal. Teresa Deufels „Sprudeldicke Drin“ 2020 aus Johanniter bringt eine Nase, die verblüfft: Haselnuss, Ringlotte, Stachelbeere, Ananas, dazu etwas Morbides, das an große alte Champagner erinnert. Der Gaumen bleibt schlanker als die Nase verspricht – ein kleiner Bruch, aber kein Fehler. Der Lindauer Sekt von Haug wirkt barocker, apfel- und birnengetrieben, rauer, weniger geschniegelt. Zwei Stile, die zeigen: Hier wird nicht kopiert, sondern ausprobiert.
Bei den Stillweinen beginnt die eigentliche Arbeit. Der Müller-Thurgau Drumlin 2024 von Schmidt am Bodensee ist kühl, straff, mineralisch, fast störrisch. Keine Gefälligkeit, keine florale Umarmung. Eher eine Studie in Spannung. Hendriks’ Sauvignon Blanc 2023 riecht nach Kalk, nach Nacht, nach dem Eingang eines Berliner Clubs. Wer hier Neuseeland sucht, ist völlig falsch. Wer Struktur sucht, liegt hier bei beiden richtig.
Lanz Wein demonstriert, wie ernst PIWIs genommen werden können. Die Cuvée Bodolz 2023 (Johanniter, Souvignier Gris) ist nussig, leicht gelbes Plastik in der Sonne, dann Quitte, Aprikose, Pfirsich – fleischig, aber kontrolliert. Die Cuvée Entenberg 2023 setzt Holz ein, ohne es auszustellen: schlank, transparent, viel Stachelbeere, kein Drama. Das ist PIWI auf Augenhöhe mit klassischen Rebsorten.
Chardonnay spielt eine überraschend starke Rolle. Kureks Nonnenholz 2023 ist straff, elegant, erinnert an große europäische Vorbilder der 1990er-Jahre (Gajas Rossi Bass, Gantenbein), ohne nostalgisch zu werden. Die beiden Chardonnays vom Seehaldenhof – Seehalde 2021 und Sonnenbichl 2022 – zeigen zwei Seiten derselben Kühle: einmal steinig, gerbstoffpräzise, einmal runder, mit Popcorn, Birne, Quitte. Kein Südfruchtzirkus, kein Fettfilm.
Die Spätburgunder schließlich sind vielleicht der verblüffendste Teil dieser Bewegung. Hendriks Seehalde 2022 ist kühl, fruchtig, laktisch fein, mit camparibitterer Eleganz und einer klaren deutschen Handschrift. Kurek geht erdiger vor: Sauerkirsche, Pilz, feuchter Waldboden. Haug bleibt bewusst knorrig, Gierer aromatisch präzise, im Mund schlank. Keine dieser Interpretationen will jedem gefallen – und genau das ist ihre Stärke.
Was hier entsteht, ist kein neues deutsches Wundergebiet. Es ist etwas Unbequemeres: eine Region, die akzeptiert, dass sie nicht lärmen muss, um relevant zu werden. Der Bodensee definiert sich neu – nicht über Rebsorten, nicht über Rankings, sondern über Reduktion, Kühle und den Mut, Aromatik auch einmal nicht auszureizen. Das ist keine Revolution. Aber es ist ein sauberer Schnitt. Ohne Inszenierung gemacht für junge Weintrinker, die wieder an das Kulturgut Wein angedockt werden wollen.
(Zur Region und den einzelnen Winzern mehr im Frühjahr in der WELT am SONNTAG)

