(Manfred Klimek)
Es gibt Krisen, die nicht alleine ein Ende markieren, sondern den Anfang von etwas anderem. Die Floskel: Jede Krise ist auch eine Chance, ist trotzdem Humbug – so wie auch ein quälend vorgeschrieben positives Denken. Doch was sind eigentlich die Chancen in der aktuellen Weinkrise? Der Absatz sinkt, ganze Ernten bleiben ungeerntet, die Zahl der Weintrinker schrumpft. Und trotzdem könnte gerade diese Krise Teile der Gastronomie beflügeln – und der Weinwelt Teils eine neue Richtung geben, die eine alte ist.
Denn nirgendwo kann Wein so neu gedacht werden wie dort, wo er hingehört: nicht nur an den Kamin oder in den Garten, sondern an den Tisch.
Die große Unsicherheit in der Gastro
Noch vor wenigen Jahrzehnten war Wein in Restaurants selbstverständlich. Ein Glas Riesling zum Mittag, ein Dezi Claret nach Feierabend – Wein war Kultur in Alltagstempo. Heute aber droht Wein aus der Gastromomie zu verschwinden, die selbst eine Krise durchläuft. Siebzig Prozent der Menschen, so eine noch covid-geprägte Umfrage aus dem Frühjahr 2024, gehen kaum noch essen, und von den übrigen trinkt die Mehrheit Bier, dann Alkolfreies, dann – vielleicht – Wein.
Das Restaurant, einst Bühne für Wein, ist zum Lautsprecher für Cocktails und Weinalternativen geworden – und das ist nicht mal schlecht so. Doch hat Wein verloren? Oder wartet nur auf seinen nächsten Auftritt?
Alles bleibt anders
Die Gastronomie steht am Scheideweg – und sie kann entscheiden, ob sie den Wein mitnimmt oder zurücklässt. Und sie kann entscheiden, welche Weine sie küftig präferiert. Denn wenn Masse verschwindet, bleibt Klasse. Wenn Industrie sich zurückzieht, öffnet sich Raum für qualitativ hochwertige Individualität.
Die Gastronomie kann diesen Wandel mit anführen. Sie kann Wein neu erzählen. Nicht als Statussymbol, sondern als Begleiter. Nicht als Preistreiber, sondern als Kulturmoment.
Neue Modelle, neue Nähe
Dort, wo das gelingt, entsteht bereits Neues: kleine Weinbars, die zwar nicht mehr werden, aber immerhin stabil florieren; hippe, junge Restaurants, die faire Preise kalkulieren und ihren Gästen Wein als Entdeckung anbieten, und nicht – wie Jahre lang – als Wagnis. Berlin, Wien, Bozen, München, Leipzig – überall dort, wo Sommeliers auch Gastgeber sind, spürt man, wie sich etwas bewegt.
Der Wein muss nicht lauter werden, er muss ehrlicher werden.
Eine Flasche weniger, dafür eine bessere. Ein Gespräch mehr, statt einer hingeknallten Karte mit 300 Positionen. Und Gastronomen, die erklären, warum ein handwerklicher Wein mindestens 45 Euro koste muss – und warum das kein Luxus ist, sondern Nachhaltigkeit in ihrer reinsten und klügsten Erscheinung.
Weniger Auswahl, mehr Individualität
Die neue Gastronomie wird keine Weinkarte der Superlative brauchen. Sie braucht eine Weinkarte mit Mut, Ideen – und ja: auch populistischen Weinen, die nach einem zweiten Glas schreien. All das kann auch Handschrift haben und Handschrift sein.
Wenn der Gast wieder Vertrauen spürt – in Auswahl, Qualität, Winzerinnen (Männer mitgemeint) – wird auch der Wein wieder zum Teil des Erlebnis.
Die Gastronomie als Hüterin des Weins
Die Winzer allein können die Krise nicht lösen. Aber die Gastronomie kann sie abmildern – indem sie Wein sichtbarer macht, schmeckbarer, erlebbarer. Indem sie ihn wieder dorthin zurückholt, wo er hingehört: in die Mitte des Geschehens am Tisch. Das erfordert Mut. Und mancherorts ein wenig mehr Umdenken als üblich. Aber auch eine Erkenntnis: Dass Wein kein Problem ist, sondern ein Potential – das Potential des gelebten, freudigen Moments.
Ein Glas Zukunft
Vielleicht ist das die Lehre dieses Jahres 2025: Die Weinkrise ist kein Absturz alleine, sondern ein Neustart (den leider nicht alle Winzer begleiten werden). Weniger Flaschen in dicken Weinkarten, mehr Gläser zum Trinken. Weniger Kalkulation, mehr Begegnung. That’s the way, aha, aha, we like it.
Aha, aha!

