(Claude Auguste)
Man kann den europäischen Weinbau auch zu Tode betreuen. Man kann ihn in Studien zerlegen, in Kampagnen verpacken, in Monatsabstinenzen pressen und ihm dabei erklären, dass all das „für sein eigenes Bestes“ sei. Genau das passiert gerade. Während Winzer ihre Keller voller Wein haben, predigen urbane Milieus in den alten Ländern des atlantischen Westens Verzicht als Lifestyle und erklären Genuss zur Altlast. Das Ergebnis riecht nicht nach Zukunft, sondern nach kaltem Kräutertee, nach gepflegter Langeweile ohne Lust auf Ausbruch oder sogar Dekadenz – Dekadenz ist ja neuerdings auch toxisch.
Wer in diesem Klima weiter verkaufen will, verkauft gegen Windmühlen, kämpft seine Kräfte für Widersinniges nieder.
Die gute Nachricht: Niemand zwingt die Winzer, dort zu verkaufen, wo nun nur wenig läuft.
Die schlechten Nachrichten kommen aus jenen Ländern, die sich selbst zum moralischen Vorreiter erklären: Dort wird Wein zunehmend zum Problem erklärt, nicht zum Versprechen. Der Diskurs ist steril, die Lust am Glas verdächtig, der Konsum stets erklärungsbedürftig. Wer trinkt, muss sich rechtfertigen. Wer nicht trinkt – und sich früher für dieses Nichttrinken ebenso unangemessen rechtfertigen musste – bekommt Applaus. Das ist kein Markt mehr, das ist ein Tribunal.
Die neuen Jerusalems (ein Klimek-Begriff, den ich gerne ausleihe) des Weinbaus liegen woanders.
Sie liegen dort, wo Wein nicht dauernd verdächtig ist. Sie liegen dort, wo Wein akzeptiert ist. Wo niemand fragt, ob ein drittes Glas noch „vertretbar“ sei, sondern ob man noch eine Flasche öffnet. Dort, wo Genuss kein politisches Statement ist, sondern Teil des sozialen Aufstiegs. Genau deshalb sind diese Märkte so hungrig.
Indien etwa. Ein Riesenmarkt, mit dem die Europäische Union nun in ein Freihandlesabkommen zieht. Hunderte Millionen Menschen, eine explodierende Mittelschicht, Städte, die aus Slums neu entstehen, Konsumenten, die nicht verzichten wollen, sondern ankommen in ihrem individuellen private life. Wein ist dort noch kein Alltagsgetränk – und genau deshalb begehrt. Wer Wein trinkt, zeigt Weltläufigkeit. Wer guten Wein trinkt, zeigt Erfolg. Keine Kampagne der Welt kann das ersetzen.
Lateinamerika zieht nach. Freihandel, wenn das EU-Parlament nicht wieder den Schwanz einzieht, auch hier. Dort, in Lateinamerika, wird Wein nicht moralisch zerlegt, sondern täglich getrunken. Ohne schlechtes Gewissen, ohne betreutes Nachdenken. Wer glaubt, dass sich dort alkoholfreie Alternativen durchsetzen werden, verwechselt Wunschdenken mit Wirklichkeit. Und trotz eigenen Weinmarkts ist der Hunger nach neuen, bereichernden Rebsorten nicht enden wollend.
Und dann ist da noch das, was direkt vor unserer Haustür passiert – und von vielen völlig unterschätzt wird. Osteuropa und der Balkan. Ungarn, Kroatien, Slowenien, Serbien, Slowakei, Polen, Tschechien. Länder, in denen Wein kulturell aufgeladen ist. Nicht rückwärtsgewandt, sondern zukunftsverbunden. Wer Wein versteht, gehört dazu. Wer darüber spricht, zeigt Bildung. Wer sammelt, zeigt Ambition.
Dort wird der Dry January nicht diskutiert, sondern belächelt. Nicht aus Ignoranz, sondern weil er als westliche Marotte wahrgenommen wird: als Ausdruck saturierter Gesellschaften, die sich den Luxus leisten können, auf Freude zu verzichten und das dann auch noch zu feiern. Für viele junge Konsumenten dort ist das kein Vorbild, sondern ein Warnsignal.
Man muss es klar sagen: Wer Wein retten will, muss aufhören, ihn überall retten zu wollen.
Denn Wein braucht Märkte, die ihn ernst nehmen. Menschen, die ihn als Kulturgut erkennen. Gesellschaften, in denen Genuss nicht sofort unter Generalverdacht steht. Die Zukunft liegt nicht dort, wo man Wein verteidigt, sondern dort, wo er positiv erwartet wird.
Die neuen Jerusalems sind keine Utopien. Sie existieren längst. Man muss nur den Mut haben, dorthin zu gehen – und aufzuhören, sich von jenen belehren zu lassen, die längst vergessen haben, warum Wein überhaupt einmal wichtig war.

